am 28.Oktober 1989 .PP Vor einigen Tagen schrieb ich, dass das Konzentrationslager das Vorbild der Gesellschaftsordnung sei. Ich habe u#ber diese A#usserung nachgedacht und meine folgende Erkla#rung schuldig zu sein. .PP Das KZ ist der Inbegriff des zersto#rerischen Triebes. Es bezweckt nichts als die Vernichtung des Menschen. Der Zweck des KZ ist die Zugrunderichtung der Insassen. Die Mittel welche sich dazu eignen offenbaren sich erst im Laufe der Zeit. Es geht nicht nur um die To#tung der Ko#rper, auch um die Zerstu#mmelung der Seele, und auch um die Verderbung jeder Gesellschaftsordnung, die sich in den Lagern ha#tte entwickeln mo#gen. Diese Verderbung der Gesellschaftsordnung, so scheint es mir, folgt ohne weiteres auf die Absicht dem Zersto#rerischen freien Lauf zu geben. .PP Es ist heutzutage die Mode, jenes Geschehen als etwas einmaliges darzustellen, die Konzentrationsla#ger als Monumente des Furchtbaren, einmalig in der Geschichte der Menschheit. But I believe the burden of proof is on those who make such an assertion. Aber die Beweiseslast ist auf Seiten derer, die solche Einmaligkeit behaupten. Bei weitem vernu#nftiger ist die Annahme, dass die KZ-Brutalita#t nicht in ihrer Art sondern lediglich im Ausmass, nicht qualitativ sondern nur quantititif, zu unterscheiden ist von der Vernichtung welche die Menschen, sei es mit Vorbedacht oder aus Ratlosigkeit einander zufu#gen. .PP Man ist gewohnt die Folgen einer Handlungsweise in ihren Einzelheiten als absichtlich geplant oder entworfen zu betrachten. So jedenfalls will es die juristische Theorie, dass ein Mensch die natu#rlichen Folgen seiner Handlungen beasichtigt. that a person intends the natural consequences of his actions. Aber dies ist gewisslich meistens nicht der Fall, denn der Mensch u#bersieht die Folgen seiner Handlung nur ungenau oder garnicht. Wichtiger ist es zu betonen, dass die Menschen nie genau wissen, was ihre Handlungen nachsichziehen, und dass sie im Grunde fu#r die Konsequenzen ihrer Handlungen nur beschra#nkte Sorge tragen. Es ist auch durchaus schwierig, und im Grunde unmo#glich, die Kette der aufeinanderfolgenden Verantwortungen abzulaufen. Und es ist unehrlich das Unglu#ck das auf die eigenen Handlungen folgt dem Zufall zuzuschreiben, das Unglu#ck aber das auf die Handlungen anderer Menschen folgt, auf ihre bo#sen Absichten. .PP Man sollte im Gegenteil im gro#sstmo#glichen Masse, sich fu#r die Folgen jeder seiner Handlungen verantwortlich fu#hlen, und sollte so gut man es eben vermag die Folgen seiner Handlungsweisen so weit wie nur immer mo#glich, voraussehen. Augenscheinlich la#uft diese Forderung am Ende darauf hinaus, jede Handlung zu la#hmen, und den Menschen von jedem Wirken zuru#ckzuhalten. Und damit bin ich bei einer Variante der sokratischen Tugendlehre angelangt, denn Sokrates lehrte, wie bekannt, dass kein Mensch wissentlich u#bles tut, und dass alles Unheil das die Menschen anrichten aus Unwissen geschieht. Es sagt fast das gleiche zu behaupten, dass die Menschen verderblich handeln nur in so weit, als sie sich der Folgen ihrer Handlungen nicht bewusst sind. Und dieses sich die Folgen seiner Handlungen vorstellen ko#nnen ist eine Fa#higkeit, eine gro#sstenteils ererbte Feinsinnigkeit, welche verschiedene Menschen in verschiedenem Masse besitzen. .PP Demzufolge entstu#nde das unheil in der welt nicht durch den mehr oder weniger bewussten Beschluss dieses oder jenes Menschen, sondern durch ein Zusammentreffen mangelnder Empfindsamkeiten, mangelnder Vorsicht, im eigentlichen Sinne, und des Zufalls der diese Unvorsicht zum Unglu#ck steigert. So jedenfalls, sieht es der Optimist der die Welt als nur ausnahmsweise dem unglu#ck verfallend betrachtet. Fu#r den Pessimisten andererseits ist Unglu#ck das natu#rlliche Schicksal der Welt, aus dem sie immer nur voru#bergehend durch vorsichtige Handlungen von weitsichtigen Menschen befreit wird. .PP Um diese Perspektive auf die Weltkatastrophe, diese negative Theodizee sozusagen, abzuschliessen, bedarf es noch eineer Erwa#gung, na#mlich der, dass es u#berflu#ssig und jeweilig sto#rend ist, die jeweilige Lage der Welt als gut oder schlecht als besser oder schlechter zu betrachten, und dass wir dies nur zu tun vermo#gen, indem wir unsere eigenen Wertmasssta#be, dass heisst, die objektiven Darstellungen unserer eigenen Freuden und Scherzen, Sorgen, A#ngst und Befu#rchtungen auf das Dasein ausstrahlen, (project), und ich bin mir durchaus nicht im Klaren, in wie fern dies eintra#glich oder wu#nschenswert ist. .PP Unsere Bewertung der Welt hat zwei Seiten. Einerseits wollen wir die Welt als einen Ort in dem wir geborgen sind, als Heimat fu#r uns. Wir wollen sie so, dass wir und unseresgleichen dort in Freud und Friede leben und sterben ko#nnen. Andererseits aber bedeutet die Welt uns auch der Ort des Wirkens und Handelns, und dementsprechend sind wir bestrebt uns in ihr zu verwirklichen. So ist denn jeder Mensch letzten Endes unwillku#rlich bestrebt die Welt in der er lebt nach den Eigenschaften der eigenen Seele umzugestalten und zu verwandeln. .PP Weil wir uns selbst idealisieren, fa#llt es uns schwer die zersto#rerische Wut des Menschenwesens zu erkennen und zu akzeptieren. Aber es ist so. Mit Entsetzen und Scham lese ich die Bu#cher des Alten Testaments mit ihren selbstgefa#lligen Berichten von der Ausmerzung ganzer Vo#lker. Und das alles soll auf go#ttliches Geheiss geschehen sein.