41 - 1 Einundvierzigstes Kapitel Der letzte Tag vor der Hochzeit war mit hektischer Bet{tigung auf Seiten der Braut, der Brautjungfern, des Br{utigams und seiner Angeh|rigen ausgef}llt. Der Pfarrer erschien um die Hauptpersonen des Schauspiels in ihre verschiedenen Rollen einzu}ben. Auch von D|hring, als Brautvater, verlangte man eine Probeauff}hrung. Der aber lehnte ab mit der lakonischen Erkl{rung, "Sufficient unto the day is the evil thereof." Das Anprobieren von Kleidern, das Ausstellen von Blumen und Geschenken, die Entgegennahme von Gl}ckw}nschen, das Putzen des Hauses, es wollte kein Ende nehmen. Nach der Trauung hatte man einen aufwendigen Hochzeitsschmaus vorgesehen, so ausgiebig und f}r so zahlreiche G{ste, da~ weder Dorothea selbst noch die Kusinen Hellers die Verantwortung daf}r }bernehmen und das Essen selbst vorbereiten w}rden. Es war ausgeschlossen und wurde garnicht erwogen, dazu war die Anzahl der geladenen G{ste zu gro~. Die Braut und ihr Gefolge waren von anderen Pflichten in Anspruch genommen. Ein Restaurateur war engagiert worden, um nicht minder als fun#fzig G{sten das Festessen aufzutischen. Heute schon, am Tage vor der Hochzeit, wurden die Vorbereitungen getroffen. Tafel{hnliche Tische wurden aufgestellt. Ein kleiner Lastwagen kam angefahren und brachte Geschirr und Besteck. Livrierte Angestellte des Restaurateurs schw{rmten durch die verunstalteten Zimmer. Teller und Tassen, Messer und Gabeln, wurden in der K}che aufgestapelt. Das ganze Haus war wie verwandelt, und D|hring fand die Unruhe so st|rend, da~ er fortging. Den Tag vor der Hochzeit verbrachte D|hring in seinem Studierzimmer in der Bibliothek. Er war um manches ruhiger geworden, und obgleich er keine Versuche machte zu schreiben so gelang es ihm doch in den Schriften von Hofmannsthal zu lesen. Sein eigenes Erleben hatte ihn empfindsamer f}r diese gro~e Kunst gemacht. So manches das ihm zuvor entgangen war, verstand er jetzt. Sp{t am abend kam er nach Hause, und legte sich in sein und Elsbeths Bett. Zum eigenen Erstaunen schlief er nach kurzem ein, und wenn er getr{umt hatte, so hatte er am Morgen als er erwachte seine Tr{ume vergessen. Ausgeruht war er noch nicht. Aber er f}hlte sich gefa~ter als seit langem. Er war jetzt zuversichtlich, da~ er sein Amt bei der Hochzeit in der Kirche w}rde erf}llen k|nnen. Tats{chlich war es sehr wenig, das man von ihm forderte oder erwartete. Er brauchte ja auch kein Wort zu sagen. Er bedachte, da~ dieser letzte Gang den er mit Dorothea machte letzten Endes kein Gang mit seiner Dorothea mehr Copyright 1993, E.J. Meyer, Trustee 41 - 2 war. Er gestand sich, da~ er sie eigentlich schon vor langem verloren hatte und da~ er sie deshalb jetzt nicht mehr verlieren k|nnte. Er zog einen dunkelgrauen Anzug an, so wie er ihn oft zu Vorlesungen trug, dazu ein wei~es Hemd, und eine dunkelblaue Kravatte. Er beschaute sich im Spiegel, und entschied, da~ er sich seiner Erscheinung nicht zu sch{men brauchte. Die lutherische Kirche welche sich Heller und Dorothea f}r ihre Trauung ausgesucht hatten lag im Universit{tsviertel der Stadt. Die Gemeinde bestand zum gro~en Teil aus Studenten, und da diese, vom Fortschritt der Wissenschaft begeistert, mit einer altmodischen Religion nichts zu tun haben wollten, hatte man ihnen zu gefallen diese Kirche im neusten architektonischen Stil gebaut, mit viereckigen kleinen Fenstern aus Buntglas in der unverzierten backsteinernen Wand, und einem rechtwinkligen Turm der an nichts so sehr wie einen eleganten Fabrikschornstein erinnerte. Vom Universit{tzplatz aus, lag die Kirche drei Querstra~en jenseits der Bank wo Dorothea, bis zu ihrer Entlassung im Fr}hm{rz, die vergangenen drei Jahre gewirkt hatte, nah also auch der Universit{tsbibliothek wo D|hrings Studierzimmer war, und seine B}cher auf ihn warteten. Bei seinen Spazierg{ngen an den Flu~, war D|hring hier oft vorbeigegangen. Gemeindemitglied aber war er weder dieser noch irgendeiner anderen Kirche jemals geworden. Zwar hatten ihn theologische Probleme von jeher lebhaft besch{ftigt, aber indes er {lter wurde erschienen ihm die Angelegenheiten der Kirche immer mehr als Sachen der Gesellschaftsordnung denn als Sachen der Religion. Zwecks seiner heutigen Beteiligung am Gottesdienst hatte er in seiner Beziehung zur |ffentlichen Religiosit{t eine Ausnahme gemacht. Er selbst hatte ja, wie er jetzt zu erkennen meinte, aus Gr}nden der Fr|mmigkeit, eine Hochzeitfeier mit Dorothea, abgelehnt, und wegen dieser Ablehnung war seine Beziehung zu Dorothea gescheitert. Statt seiner, hatte sie sich dann in den jungen Augenarzt, Dr Martin Heller verliebt, oder wahrheitsgetreuer gesagt, hatte sich von ihm verf}hren, vergewaltigen, und zu letzt zur Ehe zwingen lassen. Da~ eine Ehe die unter solchen Umst{nden entstand einer Hochzeit, einer kirchlichen Weihung, bedurfte, das konnte D|hring verstehen. Vielleicht war es ein Fehler von ihm gewesen, Dorothea in dieser Stunde nicht verlassen zu wollen, denn eine Feier zu begehen, in dem Sinne in dem man es von ihm erwartete, vermochte er immer noch nicht. Er sah ja die Hochzeitsfeier umgekehrt, in dialektischem Sinne, in dem Lichte der Ironie, nicht, wie sie im allgemeinen hingestellt wurde, als eine Feier des Lebens, sondern als eine Ged{chtnisfeier f}r die verlorenen M|glichkeiten, f}r alles was h{tte sein k|nnen, in eben demselben Sinne wie die Ged{chtnisfeier f}r einen Toten dem abgebrochenen Leben galt. Es war Sitte, da~ der Vater der Braut sie zum Altar geleitete, und Dorothea hatte D|hring, nachdem sie seiner als Ehemann }berdr}ssig geworden war, die Rolle des Vaters, 41 - 3 jedenfalls in ihrem Gesellschaftsleben zugedacht. D|hring war sich der Zweideutigkeit seiner Lage wohl bewu~t. Er hatte sich auf Dorotheas Vorhaben eingelassen, weil er sie liebte, und weil ihm die Vorstellung unertr{glich war, v|llig abgeschieden von ihr leben zu m}ssen. Besser also sagte er sich, den Vater in ihrem Leben spielen, als sie nimmer mehr sehen zu d}rfen. Die Umst{nde der besonderen Pflicht welche seine Stellung als Vater ihm bei der Hochzeitsfeier auferlegte, wurden D|hring jedoch erst am Morgen des Festes, knappe zwei Stunden vor dem Kirchgang klar. W{re es ihm vorher ins Bewu~tsein gekommen, da~ man von ihm erwartete, seine Dorothea wie ein F}llen auf einer Bauernmesse den Mittelgang der Kirche hinab zu f}hren, um sie vom Pfarrer seinem Nebenbuhler Heller aush{ndigen zu lassen, er h{tte trotz aller Liebe zu Dorothea seine Beteiligung abgelehnt. Jetzt aber war es zu sp{t abzusagen. Wenn er seine Zusage jetzt r}ckg{ngig machte, w}rde er seine Pflicht gegen}ber Dorothea verfehlen, w}rde einen Skandal bereiten, und w}rde ihr diesen letzten Ausdruck seiner Liebe versagen. Wachend tr{umte er, da~ er mit ihr allein, zu Fu~, die Linnaeusstra~e hinab zur Landesallee gehen k|nnte, und dann wie so oft, stadteinw{rts zum Universit{tsplatz. In seinem Unterbewu~tsein regte sich sogar die Phantasie, da~ wenn er nur die Gelegenheit h{tte, mit ihr nur einmal noch einen Gang allein zu tun, wie um den O'Harasee oder auf der Iceline, oder }ber den Boulder Pa~ ins Skokietal, da~ sich ein neues Einverst{ndnis zwischen ihnen offenbaren w}rde, und da~ sie selbst die Ehe mit Heller als verfehlt, und diese Trauung f}r einen Irrtum erkennen w}rde, da~ sie bereit sein w}rde noch heute, mit ihm zum Flugplatz zu fahren, und wie damals, im Fensterplatz zu seiner rechten mit ihm ins Felsengebirge zu fliegen. Vom Bourgeauparkplatz w}rden sie den Weg zum Healy Pa~ antreten, und er w}rde Hand in Hand mit ihr }ber die Alpenwiesen schreiten, aus ihrer Liebe zu einander w}rde ihnen wie die Blumen vor ihren Augen die Seligkeit ersprie~en. Je lebhafter diese Gedanken ihn bewegten, umso hoffnungsloser, umso unm|glicher erschienen sie ihm. Er konnte nicht umhin, so sehr es ihn auch schmerzte, sich an ihren Hochzeitsabend zu erinnern, als sie zusammen ins Konzert gefahren waren um die gro~e Kantate zu h|ren, und wie er versucht hatte Dorothea mittels der Zergliederung an Hand der Partitur ein Verst{ndnis der Herrlichkeit und der Tiefe dieser Musik mitzuteilen. Wenn er ehrlich mit sich sein wollte, mu~te er gestehen, da~ er in diesem Versuch versagt hatte. "Gott ist unsere Zuversicht, wir vertrauen seinen H{nden," war die Botschaft gewesen. Jetzt wu~te er, da~ Dorothea diese Botschaft nicht empfangen hatte. Nein, seinerseits sollte diese Zuversicht bestehen bleiben, dies Vertrauen wollte er, durfte er nicht zur}cknehmen, obgleich die Wege die Er ihn gef}hrt hatte wahrlich nicht die ebensten waren. Doch waren die Erinnerungen welche diese Musik in ihm erweckte und wach hielt, in einer Art 41 - 4 }berw{ltigend, da~ D|hrings Entschlu~ diese Feier durchzuhalten durch sie erweicht w}rde. Er mu~te sich also unter allen Umst{nden diese Melodieen, diese Harmonien und die Erinnerungen die sie mit sich zogen aus dem Kopfe schlagen, und dies konnte er nur indem er sie durch andere Musik ersetzte. Momentan war sein Entschlu~ gefa~t. Er ging zum B}cherb|rt und entnahm ihm die gro~e in rotes Leinen gebundene Partitur, ein photomechanischer Nachdruck der Erstausgabe von Achtzenhundertvierundf}nfzig. Das Buch war ein Geschenk von Elsbeth gewesen, ein Beispiel jener Geschenke die sie ihm gemacht hatte, da~ sie, seine Bed}rfnisse nachempfindend, ihm besorgt, was er sich wirklich gew}nscht hatte. Die Partitur geh|rte nun zu seinen Lieblingsb}chern. Oftmals, wenn er zu m}de zu arbeiten war, |ffnete er sie, und lie~ seine Finger entlang den Stimmen der ihm so wohlbekannten Ch|re, Rezitative und Arien gleiten, und freute sich dann, da~ es ihm gegeben war dies alles mit den Ohren seines Geistes zu h|ren. Jetzt strengte er sich an das ihm Bevorstehende in diesen Notenziffern zu begreifen. Auch w}rde die Zeit bis zur Fahrt in die Kirche ihm leichter fallen, wenn er sich auf diese Musik besinnen k|nnte. Er entschied am Anfang des gro~en Werkes zu beginnen. Im Geiste stand er an der Klagemauer in Jerusalem und h|rte wie die Geigen und Oboen das Weinen des Volkes in die Figuren des zw|lf-achtel Taktes einf}hrte, welche wie Wellen eines Trauermeeres auf und niederstiegen, w{hrend tief im Grunde Orgel und Contraba~ mit abwechselnden viertel und achtel Noten in synkopiertem Monoton den ged{mpften Trommelschlag des Totenmarsches wiedergaben, etliche Takte unab{nderlich und unverwandt, bis sie dann zur gegebenen Zeit von dem tiefen E in dreizehn Stufen aufw{rts schreitend sich zum Mittel-C hinauf schwangen. D|hring vermutete da~ diese dreizehn Abst{nde die Sprossen der Kreuzesleiter darstellten, bedachte aber, da~ ihr aufsteigender Drang unter Umst{nden nicht nur den Anstieg des Kreuzes sondern auch die Auferstehung aus dem Grabe bezeichnen mochte. W{hrend er }ber diese, ihm jetzt durchaus wichtige Frage sich zu entscheiden versuchte, trat Dorothea in ihrem Hochzeitskleide in sein Studierzimmer. D|hring merkte ihr Kommen, w}nschte aber noch, eh er sich ihr zuwandte, die Stelle zu finden an welcher er sp{ter in der Kirche, im Notfall, die Partitur aufschlagen w}rde, wenn es so weit gekommen w{re. Schnell fand er die Ba~arie, aus welcher er in mancher dunklen Stunde Trost gesch|pft hatte. Sie begann auf Seite 216, und D|hring ri~ von einem Block auf seinem Schreibtisch ein kleines bl{uliches Blatt welches er sorgf{ltig zwischen die leicht gegilbten Seiten legte. Dann schlo~ er das schwere rotgebundene Buch. Er hob es vom Tische, und legte es sich auf die Kniee, indem er es l{ngere Zeit mit seinen H{nden umklammert hielt, als ob er seiner bed}rfe um sich zu st}tzen und sein Gleichgewicht zu verb}rgen. Dann wandte er sich zu der Braut. Er war erleichtert festzustellen, da~ das wei~e 41 - 5 Hochzeitskleid welches sie trug ein anderes war als jenes welches sie sich vor einem Jahr f}r die Hochzeit mit ihm angeschafft hatte. Dies war ein bauschiges, blendend wei~es, kunstseidenes Gewand, welches ihren K|rper mit }ppigen Falten und Fransen verh}llte. D|hring mochte es nicht, aber es sollte ihn nicht k}mmern. Er blickte ihr ins Gesicht, behutsam, damit seine Augen die ihren nicht tr{fen. Er sah da~ ihr Haar, mit Lack verklebt, zu einer bouffanten Frisur aufget}rmt war, Die Augenbrauen hatte sie sich mit einem Farbstift nachzeichnen lassen, die oberen Augenlider waren gebl{ut, und die Wimpern mit pechschwarzer Farbe beklebt. Die Wangen waren mit Karmesin ger|tet, und die Falten ihres Gesichts, welche er in den Jahren ihres Zusammenseins so zu lieben gelernt hatte, waren von einer |ligen Salbe verdeckt. Die Lippen gl{nzten von einem purpurnen Rot, das ihn schauerlich anmutete. Dorothea kannte D|hrings Vorurteile }ber dergleiche kosmetische Bem}hungen. "Es ist nur f}r heute," sagte sie vertraulich, "Es l{~t sich abwaschen." In diesem Moment, tat sie ihm unendlich leid, aber er verstand da~ sie ihm zu entfernt war, da~ er ihr h{tte beistehen k|nnen. Er wu~te nichts zu sagen, da~ sie nicht verletzt h{tte. Deshalb fragte er nur, "Ist es soweit?" Dorothea nickte. Er meinte, sie sprechen geh|rt zu haben, wu~te aber nicht mehr, was sie gesagt hatte. Sie blickte auf das schwere rote Buch welches er von seinem Scho~ genommen, und sich unter den Arm geschoben hatte. Nimmst du das mit? wollte sie Fragen, verschluckte aber die Frage bei dem ersten Wort. Sie wandte sich um und ging zur T}r, und D|hring folgte ihr. Im Wohnzimmer sah er die eleganten aufwendigen Vorbereitungen zum Hochzeitsmahl. Es widerstrebte ihm daran zu denken. Er richtete seine Gedanken auf den Gesang der ihm von der Klagemauer entgegenstr|mte, und legte sich aufs neue die Frage vor, ob die dreizehn aufsteigen T|ne vom tiefen E zum Mittel-C die Auferstehung aus einer Gruft oder den Anstieg auf ein Kreuz bedeuten m|chten, und er entschied sich f}r das letztere. Vorm Hause wartete eine gro~e wei~e Limousine, in welcher sie zur Kirche fahren w}rden. Dorothea lie~ sich von einem livrierten Chauffeur die Hintert}r |ffnen. D|hring, ungeachtet der Anordnungen des beflissenen Menschen der ihn bedeutet hatte Dorothea zu folgen, ging um den imposanten Wagen herum und stieg selbstst{ndig von der Stra~enseite ein. Er sa~ nun, steif wie eine lebensgro~e Puppe, auf dem reich gepolsterten Ledersitz in geringer Entfernung von Dorothea. Er hielt das rote Buch auf seinen Knieen und wartete auf die Abfahrt. Weder Dorothea noch er wu~ten einander etwas zu sagen. Beide waren sie }berrascht als die Wagent}ren sich beiderseitig und fast zugleich noch einmal |ffneten, und zwei Brautjungfern, mit Schleifen beb{ndert, und mit Blumen geschm}ckt, zu ihnen stiegen. Die eine setzte sich neben Dorothea, die andere neben D|hring, und da selbst in diesem ger{umigen Wagen Sitzpl{tze f}r nur drei Personen nebeneinander eingerichtet waren, sa~en sie jetzt doch eng 41 - 6 aneinander gedr{ngt. D|hring wurde an den Flug vor drei Jahren nach Calgary erinnert. Er dr}ckte seine Kniee gegeneinander, zog seine Ellbogen ein, und klammerte sich an die Partitur auf seinem Scho~. Er machte keine Anstellung aus den tiefgrauen Fensterscheiben zu blicken. Statt dessen schlo~ er die Augen und versuchte im Gem}t die Musik, deren Partitur er in den H{nden hielt, zu h|ren. Es dauerte aber nicht lange, eh sich der Wagen in Bewegung setzte, und D|hring wu~te, da~ er nun nur noch kurze Zeit w}rde durchhalten m}ssen. Die Limousine hielt unmittelbar vor dem Eingang der Kirche. D|hring war zwischen Dorothea an seiner rechten und der unbekannten Brautjungfer an seiner linken in seinem Sitz eingeklemmt. Die beiden Frauen aber machten keine Anstellungen auszusteigen eh nicht der Chauffeur mit }bertrieben h|flicher Geb{rde die Wagent}r ge|ffnet hatte, und erst der Brautjungfer zu Dorotheas rechten, dann Dorothea selbst, und schlie~lich auch D|hring, seine stumpfe, wei~gewaschene Hand entgegenstreckte, um einem jeden nacheinander beim Ausstieg behilflich zu sein. Als D|hring an die Reihe kam, dachte ihm der Chauffeur, um das Aussteigen zu erleichtern, die Partitur abzunehmen. D|hring aber klammerte sich an sein Buch und weigerte sich es aus der Hand zu geben, woraufhin der Chauffeur, durch dies Mi~trauen sichtlich beleidigt, es D|hring }berlie~ sich ohne Beistand aus dem prunkvollen wei~en Auto auf den B}rgersteig zu begeben. Fast w{re er gefallen, aber es gelang ihm dann doch sich und das gro~e Buch dem wei~en Hochzeitsauto zu entwinden. Er blickte umher und sah sich von einer Schaar fremder Menschen umgeben. Dorothea hatte nach ihrem Aussteigen nicht auf ihn gewartet und schenkte ihm auch jetzt keine weitere Aufmerksamkeit. Sie verhandelte mit zweien ihrer Brautjungfern }ber die Einzelheiten der Brautf}hrung welche noch nicht entg}ltig geregelt waren. D|hring blickte umher, und sah da~ all diese Menschen welche in den vergangenen Wochen in seinem Hause aus und ein gegangen waren, ihm der Erscheinung nach bekannt waren. Ihre Namen aber wu~te er nicht. Unter den vielen Menschen die sich um ihn her bewegten war es nur Dorothea mit der er sich zu unterhalten getraut h{tte, und auch zu ihr hatte er nichts mehr zu sagen. Es war alles gesagt worden. Er f}hlte sich einsam und fehl am Orte. Er w}nschte, da~ er nicht hier sein brauchte, und }berlegte sich, ob er nicht doch noch zu entfliehen verm|chte. Da erblickte er Heller. Der war in einem schwarzen Frack angetan und trug eine wei~e Nelke im Knopfloch. Zu seinem Erstaunen f}hlte sich D|hring von Hellers Erscheinung wie von einem Magneten angezogen, und einen Augenblick stellte er sich vor, da~ er, D|hring, selber die Kraft und Entschlossenheit besessen h{tte hier als Br{utigam zu erscheinen. Dann w{re Dorothea die seine geblieben, und er h{tte sie heute abend bei sich haben k|nnen. Daf}r war es aber nun zu sp{t, entg}ltig zu 41 - 7 sp{t, und es hatte keinen Zweck dar}ber nachzudenken. Seinen Blick aber konnte er von Heller nicht losl|sen. Er versuchte ihn sich als seinen eigenen Sohn, als Schwiegersohn vorzustellen, aber es gelang ihm nicht. Er war und blieb der Nebenbuhler der ihm seine Geliebte entwendet hatte und als solchen blickte D|hring ihn mit traurigen und umschleierten Augen an. War es dieser traurig hoffnungslose Blick der Heller gereizt hatte, oder waren es eigene Gedanken die Heller an D|hring erinnerten, jedenfalls bewegte sich Heller auf D|hring zu, eine Ann{herung welche dieser mit wachsender Unbehaglichkeit und Angst gewahrte. Vorerst richtete Heller seine Aufmerksamkeit auf das gro~e rote Musikbuch, welches D|hring jetzt wie einen Schild vor seine Brust hielt. "Da ist er ja, der quintessentielle Herr Professor, mit seinem Buch, und was f}r einem," mokierte ihn Heller. "Das ist ja gro~ genug die ganze Weltgeschichte zu enthalten." D|hring schwieg. Recht mit seiner Vermutung, da~ es die ganze Weltgeschichte umfa~te, hatte Heller schon. Aber D|hring f}hlte sich durch die H{nselei verletzt, und war ohne dies nicht in Stimmung ihm zu antworten. Heller mochte D|hrings Bedr}cktheit gesp}rt haben, denn er griff ihn aufs Neue an. "Gro~v{terchen," forderte er, "was hast du nicht f}r gro~e Gedanken," spottete er. "Gib mal her, s'ist wohl ein Hochzeitsgeschenk, la~ mal sehen." Und mit diesen Worten entri~ er D|hring das Buch. Erschrocken griff D|hring nach der teueren Partitur, und als er das Buch fa~te, klammerte er sich daran und lie~ es nicht los. So entstand vor dem Kirchenportal eine einzigartige Szene, wie die beiden M{nner, der eine jung, der andere alt, sich um das gro~e, kardinalrote Buch stritten. Die Brautjungfern und die G{ste welche sie beobachteten vermuteten, da~ es sich um einen Scherz handelte, waren aber nicht ganz sicher. Bald gelang es Heller ihm das Buch zu entwenden. "Ich geb es dir gleich wieder," sagte er, hab nur ein wenig Geduld, und sei nicht so knauserig, Gro~v{terchen," sagte er laut, "du kriegst es ja gleich zur}ck. Mit deiner Dorothea bist du ja viel gro~z}giger gewesen. Und die," sagte er triumphierend, "kriegst du nicht zur}ck." D|hring war stumm. Seine H{nde und sein Kopf hatten zu zittern begonnen. Er hatte nun nichts im Sinn, als sein Buch wiederzubekommen. Heller aber war noch nicht bereit es ihm zur}ckzugeben. Er schlug es auf zu beliebiger Seite, zog seine Augenbrauen }bertrieben in die H|he und sagte }berm}tig, "Aber Gro~v{terchen, dir ist eine Verwechslung unterlaufen. Du bist zu einer Hochzeitsfeier gekommen, nicht zu einer Totenfeier." Er durchbl{tterte das Buch. "Hmm," sagte er, "Hier steht aber doch was von Hochzeit," "Seht ihn, wen, den Br{utigam," las er. "Seht ihn wie, als wie ein Lamm. Stell er sich das mal vor, Gro~v{terchen. Es reimt sich zwar, ist aber doch nicht wahr. Gro~v{terchen, ich bin ein Dichter. Werde ich auch in deinen Vorlesungen vorkommen? Ich kann auch einen anderen Reim daraus machen. Dieser Br{utigam ist kein Lamm, wie findest du das?" Er lachte selbstgef{llig und wiederholte seinen 41 - 8 Vers. "Dieser Br{utigam ist kein Lamm." Er schlo~ das Buch, und reichte es D|hring zur}ck. "Scher dich, Gro~v{terchen," sagte er herablassend, und h}te dich, unsere Feier zu st|ren." Dorothea hatte das Zwiegespr{ch zwischen Heller und D|hring aus einiger Ferne beobachtet, Sie wu~te wie }berm}tig Heller jetzt war, und vermutete, da~ er D|hring unbarmherzig angreifen w}rde. Sie wollte aber an diesem Konflikt nicht teilnehmen, und hielt sich seitw{rts. Nur als sie sah, da~ D|hring im Begriff war fortzugehen und sich weigern w}rde, die ihm zugedachte Rolle in der Feier auszutragen, lief sie ihm nach, und fa~te ihn bei der Schulter. "D|hring", sagte sie, "geh nicht fort. Ich brauche dich jetzt." Aber ihr Bitten blieb erfolglos. D|hring sch}ttelte Kopf und Schultern als wolle er etwas von ihm absch}tteln, und ging weiter. An der Stra~enecke begegnete er seinem Freunde. "Was soll denn das gro~e Buch?" fragte Murphy. "Ach la~ mich," antwortete D|hring, im Begriff weiter zu gehen. "Mensch, das geht aber nicht so. Du bist doch Brautvater. Du geh|rst in die Kirche. Nun dreh dich mal um. Lauf nicht fort. Du wei~t es doch, du und ich, wir lassen uns nicht ins Bockshorn jagen. Du gehst mit mir. Wir beide gehen zusammen. D|hring hielt noch immer seine gro~e rote Partitur mit beiden H{nden umklammert. "Das geht nicht so," bedeutete ihn Murphy. "Schieb es so unter deinen rechten Arm, und gib mir deine linke Hand. Wir gehen jetzt zusammen in die Kirche. Murphy und D|hring schritten nun, Hand in Hand, auf das Hauptportal zu, durch welches sich die Mehrzahl der G{ste schon ins Kircheninnere begeben hatte. Dem T}rsteher versicherte Murphy, da~ sein Freund und er zur Hochzeitsgesellschaft geh|rten, und man lie~ sie ein in das D{mmerlicht das durch neuzeitliche tiefgef{rbte Glasscheiben gr}n und golden die Kirchenhalle durchflutete. In der ersten Reihe vorn rechts fanden sie ihre Pl{tze. Der feierliche Brautzug durch den Mittelgang welchen Dorothea geplant hatte, war wegen D|hrings Unwohlsein, so erkl{rte sie es ihren Brautjungfern, abgesetzt. Statt dessen w}rde sie vorn neben D|hring sitzen, und w}rde von ihm zur gegeben Zeit, dessen war sie zuversichtlich, zum Altar begleitet werden. Es sa~en also die drei nebeneinander. Links Murphy, von welchem D|hring jetzt zu sp}ren meinte, da~ er mehr als ein wenig angetrunken war. Rechts sa~ Dorothea, in ihrem wei~seidenen Brautkleide, das geliebte Gesicht mit Schminken und Salben entstellt, den Kopf mit derselben hochget}rmten Frisur gekr|nt wie vorhin, und er, D|hring, Vater und einstiger Ehemann zugleich, sa~ in der Mitte. Die Gestalt des Gekreuzigten auf dem Altar war g{nzlich von Blumen, von Schwerdtlilien, Tulpen, Narzissen, Rosen und Primeln verdeckt. D|hring hatte jetzt das rote Buch ge|ffnet und starrte auf die bezifferten Seiten. Er sah vor den Augen seines Geistes die Klagemauer des Tempels und h|rte die Tochter Jerusalems ihre Schwestern zum Wehgeschrei aufrufen. Das Steigen und Fallen der 41 - 9 Streicher, die trauervolle Fl|tenmelodie, die jammernden Oboen wehten ihm durchs Gem}t, und im Grundba~ h|rte er wie von ged{mpfter Trommel den Totenmarsch, der mit einer wiederkehrenden Folge von dreizehn aufsteigenden T|nen wie eine Kreuzesleiter in die H|hen strebte. Das Orgelvorspiel der gegenw{rtigen Feier war ihm v|llig entgangen. Jetzt erschien der Pastor auf dem Lettner. Er hatte bisher auf einem Stuhl hinter der Kanzel gesessen, verh}llt von der gro~en amerikanischen Fahne welche in langen Falten von ihrer Stange hing. D|hring l{chelte }ber die Fahne im Gotteshause. W{hrend der beiden Weltkriege, hatten die amerikanischen Lutheraner, da sie den deutschen Ursprung ihres Bekenntnisses nicht verkennen konnten, um ihre Gemeinden vor der Verfolgung der Mitb}rger zu sch}tzen, die Bundesflagge in ihren Kirchen gehi~t. Somit war ihnen dies allerweltlichste der Symbole zum unerl{~lichen Bestandteil der Kircheneinrichtung geworden. In D|hrings Augen aber war die Fahne an diesem Ort das Siegel der Nichtsw}rdigkeit der |ffentlichen Religion. Nun stand der Pfarrer, wie ein gro~er wei~er Vogel seinem rot-wei~-blauen Nest entkrochen, vor der Hochzeitsgemeinde. In schauspielerhafter Weise breitete er seine wei~ behangenen Fl}gel aus, wodurch seine Erscheinung umso engelhafter wurde, und schwenkte die Arme auf und nieder als mache er sich auf in den Himmel zu fliegen. "Geliebte Schwestern und geliebte Br}der in Christo," begann er mit resonanter Stimme, "An diesem Tage, welcher der wahren Liebe zwischen zwei Menschen gewidmet ist, schickt es sich auch der gro~en Liebe Gottes zu gedenken, aus der er seinen einzigen Sohn in diese dunkle Welt gesandt hat. Dieser g|ttliche Liebe erkennen wir nun als Abglanz die irdische Liebe welche diese beiden holden Menschen die wir vor uns sehen heute zusammen gef}hrt hat. Lasset uns beten." Nachdem der wei~ drapierte Pfarrer sein Gebet beendet hatte, verzog er sich wieder hinter die bestirnte, rotwei~ gestreifte Flagge der amerikanischen Union und ein neues Orgelspiel begann. In diesem Moment erhob sich Murphy von D|hrings Seite. Er bewegte sich schnell, um nicht ins Schwanken zu geraten. Man sollte es ihm nicht ansehen, da~ er betrunken war. Tadellos elegant sah er aus, und nur jemandem der seinem Atem ausgesetzt war, oder der seine Lebensgeschichte kannte, h{tte es einfallen k|nnen, ihn der Trunkenheit zu verd{chtigen. Sein pechschwarzer Anzug bot einen verbl}ffenden Kontrast zu den wei~em Talar des Pfarrers. Jetzt zog er aus einer Tasche eine breite Bischofskrause und band sie sich um, so da~ er nun ein Bild von ungeheurer W}rde und Autorit{t abgab. Er schritt auf die Kanzel, und wartete bis die Orgel verstummte. Dann wandte er sich zur Gemeinde, und erhob segnend seine schwarzbetuchten Arme. "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen," intonierte er mit breiter wohlt|nender Stimme deren irischer 41 - 10 Akzent, im Vergleich mit dem eleganten Englisch des lutherischen Pfarrers, eine unerwartete Neuigkeit zu versprechen schien. "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen," wiederholte Murphy die Anrufung, weil er momentan nicht wu~te, was er weiter sagen sollte. Er hatte seine Predigt vorher ausgearbeitet, hatte sie sogar vor dem Spiegel ge}bt. Nun kamen ihm die Worte wieder. Unser Herr Jesus sagt, "So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten J}nger und werdet meine Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." Diese Worte unseres Heilands welche im achten Kapitel des Johannesevangeliums stehen sind unser Text f}r den heutigen Tag, und wir sind befugt und verpflichtet sie in frommer Sehnsucht zu bedenken. Zu Beginn, erlaubt mir, meine geliebten Schwestern und Br}der eine geringe Erl{uterung des Textes. Der griechische Wortlaut hei~t, "So ihr bleiben werdet an meinem logos." Unser Doktor Martin Luther hat das griechische Wort logos des Originals an dieser Stelle mit dem Wort "Rede" }bersetzt, w{hrend er im ersten Kapitel dieses Evangeliums denselben Ausdruck, logos, als "Wort" wiedergegeben hat. In dieser ]bertragung folgt er der lateinischen ]bersetzung, welche den Ausdruck "logos" im ersten Kapitel mit "verbum", im achten aber mit "sermone" wiedergibt. Nun scheint es mir aber, da das erste Kapitel den logos dem Geist Gottes gleichsetzt, da~ wir diesen Ausdruck im achten Kapitel in gleichem Sinne }bersetzten sollten. Lesen wir also: "So ihr bleiben werdet bei meinem Geist, so seid ihr meine rechten J}nger und werdet meine Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen." Mit der wissenschaftlichen Textkritik hatte sich Murphy eine unbestreitbare venia legendi erworben. Er war nun befugt zu sagen was er wollte, und war zuversichtlich, da~ man ihm nunmehr, nicht weniger als anderen Philologen, den gr|bsten Unsinn glauben w}rde. "Die Wahrheit," begann er von Neuem, "ist es, worum es uns geht. Denn Wahrheit ist es was uns mit Gott verbindet. In diesem Falle handelt es sich nicht, wie unser ehrw}rdiger Engel dort, mein wei~er Vogelbruder, behauptet, um Gottes Liebe. Es handelt sich ersten Ortes um seine Sehsch{rfe. Mich d}nkt man hat diese Hochzeitsfeier in der Annahme angesetzt, da~ unser Herrgott starrblind sei. Doch wage ich es zu behaupten, da~ dies nicht der Fall ist. Meine Br}dern und Schwestern, ich flehe Euch an, die M|glichkeit zu erw{gen, da~ Er nicht blind ist, da~ Er alles sieht, da~ seine Augen die Wahrheit sehen, und da~ Er sich nicht betr}gen l{~t. Es ist unsere Pflicht so gut wir es k|nnen einander auf diese Wahrheit die uns mit Gott verbindet aufmerksam zu machen. Und ich, ich armer betrunkener irisch-katholischer Atheist f}hle mich nun berufen, und ich stehe hier, um Euch in Gottes Namen die Wahrheit zu zeigen." "Es ziemt sich, da~ ich euch zuerst die Wahrheit }ber mich selber sage, denn nur dadurch, da~ ich mich selbst nicht 41 - 11 verschone erlange ich das Recht }ber meinen Freund Jakob, }ber dessen Tochter-Gattin Dorothea, und }ber seinen Nebenbuhler-Sohn Martin gleichfalls die Wahrheit zu sagen. Ich bin Alkoholiker. Das ist das erste Bekenntnis, das ich Euch ablegen mu~. Ihr sollt wissen, meine Br}der und Schwestern, da~ ich schon diesen Morgen mehrere Gl{ser Bier genossen habe, wie viele wei~ ich selber nicht, denn ich vermeide es vors{tzlich meinen Bedarf zu z{hlen. Ich trinke um die Schmerzen meiner entt{uschten Liebe zu lindern, und da meine Schmerzen grenzenlos sind, ist mein Bedarf an Alkohol gleichfalls unbegrenzt, und darum trinke ich mich zu Tode. Heute Mittag aber bin ich nicht betrunken. Ich kann n{mlich sehr viel Alkohol vertragen, und das wenige, das ich mir zum Fr}hst}ck g|nnte sollte lediglich dazu dienen mich f}r das schwere Amt das mir auferlegt worden ist zu st{rken." "Das zweite Bekenntnis, welches ich vor euch ablege ist, da~ ich ein Schwuler bin. Unterdr}ckt, liebe Br}der und Schwestern, den Ekel, den ihr bei diesem Gest{ndnis findet. Ich bin ein Mensch, ein Mann nicht weniger m{nnlich als die m{nnlichsten M{nner unter Euch. Auch ich habe die Frauen geliebt, und habe mich seinerzeit auch an hervorquellenden Br}sten, am sanftgerundeten Leib, und an den Geheimnissen zwischen den Oberschenkeln der M{dchen erg|tzt." Bei diesen Worten standen zwei elegant gekleidete Tanten Hellers aus ihren B{nken auf. Die eine sagte mit einer Stimme so laut da~ sie zu Murphy auf der Kanzel drang, "Es ist unerh|rt, es ist eine Schande, es ist ein Skandal, wird denn keiner die Polizei um Hilfe anrufen?" M}rphy aber betrachtete diese R}ge als eine Art Anerkennung. Es befriedigte ihn, da~ man ihn geh|rt, und da~ man ihn offensichtlich verstanden hatte. Er erhob seinen Arm und richtete seine ausgestreckte Hand auf die beiden Protestierenden. "Die beiden dahinten wollen scheinbar von quellenden Br}sten nichts wissen. Vermutlich haben sie sich die ihren schon amputieren lassen, damit sie hinfort den Bogen des Hasses umso kr{ftiger spannen k|nnen," schalt er mit kr{ftiger Stimme. In Folge dieses Austausches, hefteten sich die Augen der Gemeinde auf die K|rper der beiden Kl{gerinnen, um festzustellen, in wie weit ihre Erscheinung Murphys Vermutung best{tigte. Aber die betroffenen Frauen vermochten den Blicken ihrer Gemeindemitglieder nicht zu widerstehen und verlie~en samt ihren entr}steten Ehem{nnern die Kirche. Nunmehr wagte es keiner Murphy zu unterbrechen. "Ich habe mit gar sch|nen Frauen geschlafen," fuhr Murphy fort, "und doch habe ich keine gefunden, welche meine M{nnlichkeit nicht beneidete, und welche nicht strebte, die ihr von der Natur bestimmte Benachteiligung durch eine ]berheblichkeit des Geistes und der Seele, und oftmals auch durch eine ]berheblichkeit des K|rpers aufzuwiegen. Doch f}hlte ich mich durch dieses angrifflustige Gebahren meiner Gespielinnen in solchen Ma~e bedroht, da~ so oft ich bei ihnen lag meine Manneskraft mir versagte, und da~ ich tats{chlich zu f}rchten begann, da~ eine von ihnen die Verschneidung der Seele die sie 41 - 12 mir bei Tage zuf}gten, des Nachts durch die Verschneidung meines K|rpers erg{nzen w}rde. Aus dieser Lage tiefster Dem}tigung und Angst wendete ich mich zu meinem Freund, Jakob D|hring, und flehte ihn um seine Liebe. Er aber h|rte mich nicht, denn er eiferte den Frauen nach, und aus Verzweiflung um seine verschm{hte Liebe machte ich ernst mit dem Versuch mich aus dieser Welt zu schaffen, und fing an noch h{rter zu trinken. Das ist, so wahr mir Gott helfe, die Wahrheit. Zu zweit werde ich euch nun von Jakob D|hring erz{hlen. Er war der Freund meiner Jugend, der hei~ ersehnte Geliebte mein Mannesalters. Er wird der treue W{chter bei meinem Tode sein. Das ist ein Mann, empfindsam, klug und flei~ig, wie mir kein anderer auf dieser Welt begegnet ist. Doch ist er seit seiner Kindheit zum Tode krank. Er wurde n{mlich in fr}hestem Knabenalter vom Virus des Idealismus infiziert. Er unterlag dem krankhaften Glauben an eine Wahrheit, die er erkennen k|nnte, an eine Tugend, die er bewirken k|nnte, und an eine Vernunft, von welcher er sein Leben gestalten und leiten lassen k|nnte. An dieser unausrottbaren Infektion leidet er noch immer, und eines Tages wird er an ihr sterben. Zugleich ward er von einer weiteren dem Idealismus verwandten Schw{che befallen, der Eitelkeit, n{mlich, die ihm zufl}stert es sei nicht genug, ein sterblicher Mensch zu sein, und am Ende seiner Tage den Flecken Erde den er bewohnt spurlos k}nftigen Geschlechtern zu }bergeben. Die Eitelkeit }berzeugte ihn, da~ es notwendig sei, wesentlich zu werden. Er war entschlosen den beschr{nkten Raum und die geringe Spanne seines Lebens mittels des Ruhmes zu }berwinden. Er wurde zum Professor, und h{tte in diesem Amt seine Seele g{nzlich zu Grunde gerichtet, h{tte nicht Elsbeth, seine engelhafte Frau, ihn aus dem seelischen Morast des Universit{tslebens empor gezogen, und ihm das Menschsein gerettet. Als Elsbeth starb, war er allein und frei. Jetzt h{tte er mit mir an meiner Seite den Rest seines Lebens verbringen k|nnen. Doch er verschm{hte mich. Dort unten in der ersten Reihe rechts seht ihr ihn sitzen, meinen Freund und meinen Geliebten." Zu den Fehlern meines Freundes D|hring welche ich aufgez{hlt habe, seinen unheilbaren Idealismus, und sein eitles Gel}sten nach der Unsterblichkeit des Ruhmes, liegt es mir ob noch einen dritten, }beraus menschlichen doch nichtsdestoweniger verderblichen Fehler hinzuzuf}gen, n{mlich seine geschlechtliche Uners{ttlichkeit. Wei~ Gott es ist ein menschliches Vergehen, und menschlich ist es auch, da~ er stets mehr vom Leben forderte als ihm das Schicksal zuteilte. Als das lieblichste Weib auf Gottes weiter Erde von seiner Seite abgerufen worden war, vermochte er es nicht zu akzeptieren da~ mit ihr auch ein Teil seines eigenen K|rpers abgestorben war, und deshalb erlaubte er sich ein Verh{ltnis mit einer anderen Frau, welche zu dieser Stunde, zum letzten mal, neben ihm sitzt. 41 - 13 Murphy zeigte jetzt mit dem ausgestreckten, schwarzbetuchten Arm auf seinen Freund, wie er vor wenigen Minuten auf die beiden protestierenden Tanten gewiesen hatte. D|hring aber bemerkte ihn nicht. Er hatte das schwere rote Buch auf seinen Knieen ge|ffnet. Mit seinen Augen folgte er den verschlungenen Notenziffern, und h|rte im Geiste die Musik die sie bezeichneten. Die Predigt drang nicht in sein Geh|r. "Dort vorne," fuhr Murphy hob Murphy aufs Neue an, "sitzt der namhafte, welt-ber}hmte Philosoph und Literaturhistoriker Jakob D|hring dem ich auf meine Weise aus Liebe mein Leben geopfert habe. Er aber hat mir meine Liebe nicht erwidert, er hat mir meine M}he nicht vergolten, denn seine Liebe war zu Frauen, und wie meine Liebe mich, so hat ihn seine Liebe zu Grunde gerichtet. Die Liebe hat uns zu der Trag|die geleitet welche sich heute vor euren Augen und Ohren abspielt. Ich aber, sein Freund, habe ihn hierher, zu der Stelle seiner tiefsten Erniedrigung begleitet um ihn in der Sterbesstunde seiner Hoffnungen beiseite zu stehen. Denn sonst h{tte ich hier nichts zu suchen. "Neben ihm, seht sie dort," und er zeigte auf Dorothea, "sitzt Dorothea, seine Tochter-Frau die einstweilige Frauenfreiheitsk{mpferin welche sich ihm auf einer kanadischen Ferienreise anschlo~, und }ber sie will ich Euch jetzt Aufkl{rung erstatten. Sirenenartig verlockte sie ihn in einer schwachen Stunde, fiel ihm um seinen Hals, und besuchte ihn hernach auf eigenen Antrieb ein ganzes Jahr lang in seinem leeren Ehebette. Er hat es ihr erlaubt. In den N{chten in denen er mit ihr frohlockte, entz}ndete sich in seiner Seele brennende Liebe f}r dies sch|ne Weib. Sie aber, als sie ihn am Abend f}r sich gewonnen hatte, blickte ihn am Morgen an, und erkannte, wie alt und m}de er war, und schlug ihn, zum Abschied, ins Gesicht, und verlie~ ihn, um sich von einem gef}hllosen Manne entf}hren und vergewaltigen zu lassen. Der neue Br{utigam hat sie mit Drohungen der Pferdepeitsche gezwungen, sich vor seinen Augen zu entkleiden, und als sie sich, in betrunkenerem Zustand als ich jetzt, in ihrem Kleid verfing, da hat er sie zu seiner Lust, wie ein gefangenes Tier, in ihrer Unterw{sche erb{rmlichst zappeln lassen, eh er sie von ihren seidenen Fesseln befreite um sie die Nacht hindurch unz{hlige Mal zu vergewaltigen, indessen ihr Mann und Vater, mein geliebter Freund, Professor Jakob D|hring, an seinem Tische weinend sa~, und auf sie wartete. Ein gew|hnlicher Mensch h{tte sie von sich gesto~en. Er aber hat sie in seinen Armen aufgenommen, die verirrte Tochter-Frau, wie ein verlorenes Schaf. Das Schaf aber hat seine Liebe ein zweites Mal verschm{ht, wie er die meine. Die Frauenrechtlerin ist zu ihrem Entf}hrer und Vergewaltiger zur}ckgekrochen. In meines Freundes Hallen haben sie ihre Hochzeit vorbereitet. Und nun, als letztes Liebesopfer will mein Freund sie zum Altare f}hren, und sie dem wei~en Vogel }bergeben welcher sie f}r einen Judaslohn dem Ophthalmol}gner, der in diesem Augenblick dort drau~en an der T}re lauert, anvertrauen soll." Mit diesen Worten erhob Murphy 41 - 14 wiederum seinen schwarzbetuchten Arm und zeigte mit ausgestreckten Fingern das Mittelschiff hinab zum Hauptportal an welchem er die im schwarzen Frack angetane Gestalt Martin Hellers ungeduldig auf das Ende dieser unsinnig langwierigen Predigt warten sah. "Von diesem Bett, h}pft die Sirene in das N{chste, dritte. Denn D|hring ist der zweite schon, den sie gef{llt. Der erste ist l{ngst tot. Der dritte, dort drau~en an der Vordert}r, ahnt nicht was ihm bevorsteht." Murphy machte eine Pause, denn er hatte nichts weiteres zu sagen, und hatte dennoch nicht mit der gew}nschten Betonung geendet. Er fing also von Vorne an. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen. Im Namen meines pers|nlichen Freundes des weltber}hmten Philosophen und Literaturhistorikers Professor Jakob D|hring, im Namen unseres Heilands Jesu Christi, der f}r euch in die Welt gekommen ist, der euch sein Leben geschenkt hat, der f}r euch gestorben ist, und der jeden Tag bereit ist aufs Neue f}r euch zu sterben, der euch eure S}nden vergeben hat, und der jeden Tag bereit ist euch aufs Neue eure S}nden zu vergeben, und der euch mit dieser seiner Bereitschaft die moralische Grundlage f}r die freie Marktwirtschaft bietet. Denn nur durch diese Gro~z}gigkeit eures Heilands ist es Euch erm|glicht, euch gegen eure Mitmenschen und gegen die Natur tagt{glich aufs Neue zu vergehen, um am Beschlu~ eines jeden Tages mit der Zuverl{ssigkeit des B|rsenberichtes, die Vergebung eurer S}nden zu empfangen. Die S}ndenvergebung ist Gottes gr|~te Gnade, und ich, ich armseliger irisch-katholischer Atheist bin zugleich befugt und verdammt sie euch zu verk}nden. Dir liebe Braut sei die S}nde vergeben, da~ du meinen und deinen Freund, den guten Jakob D|hring, den einzigen Menschen der dich je geliebt hat, der dich von der Verzweiflung deiner Vergangenheit, und von den Banalit{ten der Frauenbewegung befreit hat, da~ du ihn, deinen Erretter, gedem}tigt, geschlagen, geohrfeigt, und verlassen hast. Dir liebe Braut, dir sei vergeben, da~ du dich unterwunden hast, die Niedrigkeit welche die Natur deinem Geschlechte angewiesen hat zu verleugnen, und dich dem Manne zu dessen Dienerin du bestimmt bist, gleichzustellen. Du Zerst|rerin der M{nner durch deinen Hochmut und durch deine Unbotsamkeit, wie viele edle M{nner wirst du nicht mit den Klauen deiner Herrschs}chtigkeit zerrei~en. Es sei dir vergeben, da~ du in deinem Wahn, das Edle und Gute und Sch|ne, das dir im Leben begegnete, nicht zu w}rdigen wu~test, da~ du deinen Heiland und Retter mit F}~en getreten, da~ du auf ihn gespuckt, da~ du ihn geohrfeigt hast. Dir liebe Braut, sei deine Dummheit vergeben. Es ist das Wesen der G}te da~ er dich trotz deiner S}nden liebt, da~ er dich mit G}tern beschenkt, da~ er zuletzt noch willens ist dich bei der Hand zum Altar zu f}hren. Aber den Fluch von dir abzuwenden, welchen du durch die Vernunftlosigkeit deines Handelns auf dich gezogen hast, ist seine menschliche G}te nicht kr{ftig genug. 41 - 15 Dir lieber Br{utigam sei die S}nde vergeben, da~ du sie in deine Wohnung gelockt und vergewaltigt hast, da~ du ihr nachgelauert hast, wie ein Hahn einer Henne, wie ein Hirsch einer Hindin, wie ein Hund einer H}ndin, wie ein Eber einer Sau, da~ du sie wie ein Verbrecher in dein Bette gezerrt hast. Und dies armselige Gesch|pf, das du dir geraubt hast, wer wollte dir glauben, da~ du sie liebtest, der du von jeher nur dich selbst geliebt hast. Gott{hnlich w{hnst du dich in deiner erb{rmlichen Kunst, und hast dieses armselige Gesch|pf dir erbeutet um mit ihr, wie mit einer Troph{e deines Erfolges, deines Reichtums, deiner Macht, dein Leben zu zieren, wie alles andere was du dir kaufst, mit dem du dein Leben zu veredeln suchst. Aber wahrlich ich sage dir, es ist alles vergebens. Da ihr euch nun zusammengetan habt wie die Hunde auf dem Hof und die Schweine im Koben, und die Ziegen im Stall, bed}rfet ihr denn wirklich des Heiligtums um eure Unzucht zu segnen? Ihr habt Euch ja schon begattet. La~t ab von der Heuchelei, die vort{uscht ihr bed}rftet den Segen Gottes dazu. Es steht geschrieben, du sollst nicht t|ten, und ihr habt get|tet. Es steht geschrieben, du sollst nicht Ehe brechen, und ihr habt sie gebrochen. Es steht geschrieben du sollst den Namen deines Gottes nicht umsonst aussprechen. Ihr nennt ihn umsonst, und euer ganzes Leben ist Abg|tterei. Der Fluch, mit Adams Fall ges{t, den ihr durch eure Lieblosigkeit geerntet habt, das ist der Tod. Er ist es, der Euch bevorsteht, und ihn m}~t ihr schmecken eh ihr am Ende durch Gottes Gnade ins ewige Leben eingeht. Meine Schwestern und Br}der, wir feiern die Hochzeit zu sp{t, weil die Mischung schon geschehen ist. Lasset uns deshalb schon jetzt die Todesfeier begehen, sie ist nur um ein Geringes verfr}ht. Ist nicht der Tod der Seelen schon eingetreten? Und wer vermag zu wissen, wann der Tod auch den K|rper ergreifen wird? Und nun frage ich euch beide, was wollt ihr denn hier an diesem heiligen Ort. Welch eine Verschw|rung gegen den Allm{chtigen seid ihr mir nicht mit diesem Vogelgesinde eingegangen. denn es steht geschrieben, meines Vaters Haus soll ein Bethaus sein, ihr aber habt es zu einer Hurengrube gemacht. Die Strafe aber kommt unverz}glich, sie l{~t nicht warten. Ist nicht schon jetzt die Verzweifelung }ber Euch eingebrochen? Eure Ehe, welche keine Ehe ist, kann euch nichts Gutes bringen. Euer Leben, welches kein Leben ist, werdet ihr im Dunkel vor dem Fernsehschirm, in der Nacht des Hasses, des Unwissens, und der L}ge ausleben. Eh ihr es wi~t, wird euch der Tod ergreifen und die Nichtigkeit eures Daseins wird vom Winde der Zeit zerstoben sein, eh ihr es denkt. Der einzige Hochzeitswunsch der sich hier ziemt, ist da~ ihr Frieden h{ttet im Tode." Er schwieg und faltete die H{nde, als st}nde er an einem Grabe, in welches soeben die Liebe, die Hoffnungen und der Schmerz eines ganzen 41 - 16 Lebens versenkt w}rden. Dann wurde sein Ausdruck streng von Entschlossenheit. Er blickte auf zu dem ungeputzten Eisenger}st welches das Kirchendach st}tzte. Mit inbr}nstiger Stimme schrie er, als m}~ten seine Worte ins Weltall tragen, "Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis. Te decet hymnus, Deus in Sion, et tibi redditur votum in Jerusalem Exaudi oriationem meam. Ad te omnis caro veniet. Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis," Er begann zu stottern und der Faden des Denkens schien nun doch vom Alkohol aufgel|st. Die Stimme aber war so sonor, die Gestalt so imposant, und D|hring schien es auch, da~ ihn keiner unterbrach weil er so gr}ndlich die Wahrheit sagte, genau wie er es im Wirtshaus zu tun pflegte. Doch Murphy war noch nicht ganz fertig. Bald erholte er sich und nun flo~ die Sequentia m}helos }ber seine Lippen. "Liber scriptus proferetur In quo totum continetur, unde mundus judicetur. Judex ergo cum sedebit Quidquid latet apparebit, Nil inultum remanebit." Indem er sprach, wurde er von Begeisterung ergriffen, und seine Silben stiegen und fielen wie Wellen auf einem Meer der Wahrheit. Er war zu Ende. Zwei Kirchendiener nahten sich, um ihn von der Kanzel zu leiten. Als sie ihn bei den Armen zu ergreiffen versuchten, wurde Murphy b|se, und fing an, nach ihnen auszuschlagen. Da begab sich D|hring auf die Kanzel, das schwere rote Buch unter dem linken Arm, als sei dieses das eben von Murphy erw{hnte. Er fa~te seinen Freund bei der Hand und sagte laut, "Vielen Dank Murphy, du hast die Wahrheit gesagt. Aber nun la~ es genug sein. Wer sie das erste Mal nicht verstanden hat, der versteht sie auch nicht, wenn du sie wiederholst." "Da haben Sie Recht, Herr Professor," sagte Murphy in ehrerbietigem Ton, nun befriedigt, da~ seine Anstrengungen jedenfalls von seinem Freunde anerkannt worden waren. Er lie~ sich nun, selbst erleichtert seines schwierigen Amtes enthoben (abgel|st) zu sein, die Stufen des Lettners hinab geleiten. D|hring schob seine gro~e rote Partitur unter den linken Arm, und fa~te Murphys Hand mit seiner rechten. So schritten die Freunde Hand in Hand, wie die Hinterbliebenen nach der Beerdigung, den Mittelgang hinab, vor den teils niedergeschlagenen teils neugierig stierenden Augen 41 - 17 der entsetzten G{ste. Der Organist hatte gemeint da~ Murphys lange Predigt vorgesehen war, und hatte deshalb mit der Musik zur}ckgehalten. Erst als Murphy aufgeh|rt hatte zu sprechen, und als D|hring ihn von der Kanzel durch die Mitte der Hochzeitsg{ste abf}hrte, da setzte die Musik nun endlich ein. Der Pfarrer, der sich f}r den Gottesdienst verantwortlich f}hlte, war ersch}ttert. Von Murphys Worten war ein Zauber ausgegangen der auch ihn gel{hmt hatte. Auf seinen Stuhl gebannt hatte er Murphys Rede gelauscht, und hatte es unterlassen ihn zu unterbrechen, weil er es nicht wagte, oder vielleicht auch weil er die Wahrheit von Murphys Worten anerkannte. Er war momentan unentschlossen, ob er seinem Publikum eine |ffentliche Entschuldigung f}r diesen unvorhergesehenen bizarren Vorfall schuldig war, welchen er kaum h{tte verh}ten k|nnen, denn nachdem Murphy einmal auf der Kanzel erschien, h{tte man ihn nur mit Gewalt von dort entfernen k|nnen. Auch hatte der Pfarrer bis zum Ende nicht verstanden was Murphy eigentlich wollte. Erst nachdem Murphy an der Hand seines Freundes aus dem Haupteingang verschwunden war und die Orgelt|ne verklungen waren, erhob sich der von Verlegenheit geschlagene, wei~ gekleidete Mensch von seinem Stuhl hinter der sch}tzenden Bundesflagge. Er stieg nun mit schlotternden Beinen wieder auf die Kanzel, und erhob, wie ein riesiger Menschenvogel, seine gro~en wei~ behangenen [rmel, verk}rzte aus Verlegenheit den Rest des vorgesehenen Gottesdienstes, und fl}chtete sich in den abschlie~enden Segen. "Der Herr segne euch und beh}te euch," sagte er mit zitternder Stimme, "der Herr lasse sein Angesicht leuchten }ber euch und gebe euch Frieden. Amen." Der Gottesdienst war beendet. Die Gemeinde erhob sich. Auch Dorothea stand auf, und wandte sich um nach D|hring, Sie hatte sich darauf eingestellt, von ihm zum Altar gef}hrt zu werden. Jetzt, wo sie sah, da~ er fort war, und da~ er statt ihrer, Murphy }ber den Mittelgang geleitet hatte, und in entgegengesetzter Richtung, wu~te sie nicht was sie tun sollte. Sie schaute ein zweites Mal und vermochte D|hring nicht zu erblicken. Da wandte sie sich und folgte ihm langsam, allein, den langen Flur hinab aus der Kirche. Die anderen G{ste, welche sie sahen, standen auf, und kaum bewu~t, da~ keine Trauung statgefunden hatte, dr{ngten sie ihr nach wie einer K|nigin. An der Kirchent}r traf sie ihren Br{utigam, der dort vergebens auf den Wink des Pfarrers gewartet hatte. Sie blickte ihn an. "Es ist also doch nichts geworden," sagte sie.