Ueber die Entwicklung der Naturwissenschaft im Rahmen der fortschreitenden gesellschaftlien Verstaendigung Die Frage nach dem Wissen, die Frage was und wie weisz ich, the question concerning knowledge, wird heutzutage fast ausschlieszlich im Rahmen der Naturwissenschaften betrachtet, oder jedenfalls in erster Linie. Nach den Kenntnissen der Geisteswissenschaften wird kaum gefragt. Man bezweifelt jetzt wie einst, ob sie ueberhaupt Wissenschaften sind. Im allgemeinen ist es tunlich zwischen dreierlei Arten des Wissens zu unterscheiden, zwischen dem was ich aus eigenstem Fuehlen, Sehen und Hoeren erkenne, zwischen dem was mir auf Grund meiner Erziehung als offenscheinlich und selbstverstaendlich vorkommt; und dem was ich als Errungenschaften der neuesten Wissenschaft mir angeignet habe und aneigne. Von diesen drei Quellen des Wissens wird tatsaechlich die letzte, die naturwissenschaftliche, vorgezogen und weit ueber die beideren ersteren geschaetzt. Diese hohe Bewertung der Naturwissenschaft ist aber eine Voreingenommenheit, mit nachdruecklichen Folgen fuer das geistig seelische Leben des Menschen. Die naturwissenschaftliche Kenntnis, um gleich bei dem letzten und etwa schwierigsten anzuheben, ist eine Erscheinung der geistigen Vergesellschaftuung; und auf der Macht welche aus dieser Vergesellschaftung flieszt beruht ihre Wirksamkeit. Eine Wissenschaft welche in einem gesellschaftlichen Rahmen gilt, verdankt ihre Wirksamkeit nicht unbedingt einer metaphysischen Wahrheit. Gueltigkeit beruht auf Wirksamkeit; und Wirksamkeit des Wissens oder der Wissenschaft besagt keineswegs das Begreifen oder das Ergreifen, eines sonst jenseits unserer Kenntnis liegenden Dinges an Sich. Vielleicht ist das Ding an Sich nicht viel mehr als eine muessige Vorstellung, eine Einbildung unseres Idealisierungsvermoegens, von welcher das Vorteilhafteste die Tatsache sein mag, dasz sie uns zur Erforschung der Naturwelt anspornt. Es ist wichtig die Weise zu verstehen, in welcher die Naturwissenschaft entsteht, und woher ihre Wirksamkeit. Die Wissenschaft ist nicht Ausdruck einer Neigung die Welt zu begreifen. Die Entwicklung der Naturwissenschaft hat eine gesellschaftliche Basis, jene naemlich, dasz die Menschen sich miteinander ueber die Natur verstaendigen; dasz sie ueber die Natur kmommunizieren, dasz sie sich gegenseit Mitteilungen ueber die Naturerlebnisse des Einzelnen machen; diese Mitteilungen werden schematisiert. Werden von den Schuelern, Hoerern, Mitarbeitern aufgefangen, verinnerlicht und, dies ist der wesentliche Punkt, bewirken dann eine Angleichung des Hoerenden and den Sprechenden, eine Homoiosis der Erkenntnisfaehigkeit, welche den Hoerenden zu der Naturerkenntnis des Sprechenden zwingt. In dieser Uebereinstimmung der Anschauungen und Gedanken der Wissenschaftler mit einander und nicht in einer vermeintlichen Korrespondenz mit der Natur, wurzelt die Wirksamkeit der Naturwissenschaft. Und in der Notwendigkeit dieser Anpassung, dieses geistigen sich fuegens und schmiegenbs, dieses Nachahmens und Nachbildens fremder Gedankenbauten liegt die Schwierigkeit, die Schwelle der Naturwissenschaft; und diejenigen Kandidaten sind am wirksamsten in ihr, welche diese Schwelle am muehelosesten zu uebersteigen vermoegen. Der geniale, schoepferische Wissenschaftler kehrt dann zu seiner Phantasie, zu seinem Einbildungsvermoegen, zurueck, und wird historisch bedeutend indem er der wissenschaftlichen Ueberlieferung den Stempel des eigenen Gemuets aufdrueckt. Nach einer solchen Verwirklichung seines Selbst sehnt sich der junge strebende Wissenschaftskandidat. Aber nur selten erreicht er sein Ziel, und auch dann nur teilweise, und unter machen Enttaeuschungen. Ueber die zweite Erkenntnisweise, naemlich ueber die Erkenntnis mittels des gesunden Menschenverstandes (common sense) soll bemerkt sein, dasz sie auch, wie die dritte, die wissenschaftliche, auf der Vergesellschaftung des Geistes beruht, aber auf weit naiverer Stufe als jene. Die Voraussetzungen fuer den gesunden Menschenverstand werden nicht durch intensive Geistesuebungen erworben, sondern werden dem Menschen durch den taeglichen Umgang mit seinesgleichen beigebracht. Es gibt auch nur wenige, - oder gar keine Regeln oder gar Uebungen welche die Erkenntnisweise befestigen. Ueber die erste Erkenntnisweise, die intuitive, innerliche, subjektive, musz erkannt sein, dasz auch sie sich mit dem Erwachsen des Individuums entwickelt, und dasz auch die Sprache, bei aller Gesellschaftlichkeit auf die sie sich verlaeszt, zu der Entfaltung und zu dem Ausdruck der Innerlichkeit wesentlich beitraegt.