Dear Marion, Thank you for your letter, and especially for taking me and my little exercise in scholasticism seriously. I was experimenting, and the formula at which I arrived is as follows: =================================================== Meiner Eltern Erleben war vom Geist der Dichtung gepraegt, und kein Dichter hat auf dies Erleben einen so gruendlichen Einfluss gehabt wie Rainer Maria Rilke. Der erste Satz des Glaubensbekenntnisses meiner Eltern lautete: "Das was geschieht hat einen solchen Vorsprung vor unserm Meinen, dass wir's nie einhol'n und nie erfahren wie es wirklich aussah." Der zweite Satz dieses Glaubensbekenntnisses: "Das ist der Sinn von Allem was einst war, dass es nicht bleibt in seiner ganzen Schwere, dass es zu unserm Wesen wiederkehre, in uns verwoben tief und wunderbar." Man kann nicht umhin, diese beiden Saetze als zusam- mengehoerig zu deuten, und auf das menschliche Erleben im allgemeinen zu beziehen, besonders auf eine so heikle und gewagte Darstellung des Erlebens wie die Beschreibung an die ich mich wage. Der erste Satz, "Das was geschieht hat einen solchen Vorsprung vor unserm Meinen, dass wir's nie einhol'n und nie erfahren wie es wirklich aussah." bezieht sich auf das Begreifen des gegenwaertigen Geschehens das uns allenfalls entgeht. Der zweite Satz: "Das ist der Sinn von Allem was einst war, dass es nicht bleibt in seiner ganzen Schwere dass es zu unserm Wesen wiederkehre, in uns verwoben tief und wunderbar." sagt dass der Sinn des einstigen Geschehens zu unserm Wesen wiederkehrt, tief und wunderbar in uns verwoben. Seit Jahrunderten ist es die Mode den lyrischen Dichter zu verschmaehen, mit der Behauptung, dass er nur schoene melodische und wohl auch erbauliche Worte hervorbringe, geeignet das Leben zu schmuecken, kaum aber es begrifflich zu erklaeren. Die lyrische Dich- tung, so meint man, ist wissenschaftlich belanglos. Ob dem im Allgemeinen so sei, mag dahingestellt bleiben. Die besagten Rilkezitate aber die meinen Eltern so lieb und teuer waren, bringen ein Gefuege mir jedenfalls unverkennbar gueltiger Wahrheit ans Licht, eine Wahrheit der dadurch nichts abgeht, dass sie von der "Wissenschaft" nicht anerkannt wird. Hingegen geht einer "Wissenschaft" die diese Wahrheit verkennt, sehr viel wenn nicht gar alles ab. Um es prosaischer auszudruecken: Das gegenwaertige Geschehen, das was ich im Augenblick, was ich zur Zeit erlebe, widerstrebt dem begrifflichen Ausdruck. Es laesst sich nicht in Worte kleiden, laesst sich in Worten stets nur andeuten. Die Worte sind dem Erleben stets ungenuegend. Aber trotzdem ich das was ich erlebe nicht auszus- prechen vermag, wird mein Wesen dennoch von diesem Erleben affiziert. Durch das Erleben wird mein Wesen veraendert, und diese Veraenderung hat in der Erin- nerung ihren Ausdruck. Was ich erlebe verwandelt mein Wesen, verwandelt mich zu einem anderen, wird demge- maess in mir verwoben, tief und wunderbar, wie es in dem Gedicht heisst. Das Erlebte wird zu meinem Wesen. Und dies Wesen, was ich "bin", ist was ich erinnere, was in mir ist. Was in mir ist kommt zur Sprache; und erst wenn durch die Sprache meine Erinnerung zum Aus- druck kommt, wird die Sprache der Wirklichkeit gerecht, denn diese Wirklichkeit ist meine Erinnerung. Wirklich ist jetzt nur meine Erinnerung, wirklich ist die Ver- wandlung die das Erleben in mir bewirkt hat, sonst nichts. Und nun der Widerspruch, dass die Erinnerung zugleich Dichtung und Wahrheit ist. Dichtung und Wahrheit verkuenden hier ihre Beziehung zu einander: Wahrheit ist Dichtung. Dichtung ist Wahrheit. Diese Einsichten sind es, die mir endlich mein Schreiben ermoeglichen. * * * * * Mir ist aufgegeben, die Geschichte meiner Familie zu er- zaehlen. Wo finde ich den Anfang? Dem Vorgang gemaess ist der Anfang meiner Erzaehlung das Projekt Stolpersteine fuer Braunschweig, das nun auch nach 34 anderer Familien aus Deutschland vertriebener Juden auf meines Vaters Familie aufmerksam wurde. Nach dem Tode meiner Schwester Margrit am 22. Dezember 2009, veroeffentlichte mein Sohn Klemens eine Sammlung von Photographien in dem Margrit erscheint. Diese Sammlung wurde von Renate Haertle, eine Realschullehrerin in Braunschweig zur Kenntnis genommen. Es entspann sich ein Briefwechsel, indessen ich in beschraenkter Zeitspanne den Realschuelern und ihrer Lehrerin Berichte ueber meines Vaters Familie zukommen liess. Ich hatte aber mehr zu berichten als fuer die Beurkundung der Stolpersteine notwendig oder auch nur angemessen war. Den Ueberfluss moechte ich niederschreiben und in einer gesonderten Kartei ablegen. Ob ich je Gebrauch von diesen Aufzeichnungen machen werde, und welcher Art, vermag ich nicht zu sagen. Wo sonst sollte ich den Anfang machen? * * * * * Die fruehste Erinnerung ist der prasselnde Kachelofen, dunkelblau, wenn ich recht besinne, wintrig im duestren Wohnzimmer in der Hildebrandtstrasse. Die schwere Ofentuer wird geoeffnet. Mit einer schwarzen Zange werden Kohlen aufs Feuer gelegt, und momentan erglaenzt der Raum im rot-gelben Licht des Feuers. Sonst ist es winterlich truebe im Zimmer, denn es ist Winter und ohnehin sind die Fenster klein. Die schwarzen Kohle-Briquettes lagern im Keller. Das Dienstmaedchen holt sie herauf. Ich war noch viel zu klein. Meine Grossmutter vaeterlicherseits muss es gewesen sein die zugegen war. Sie ging im Zimmer herum, aber ich besinne mich nicht, dass sie mich je auf den Arm genommen haette. Es gibt nur ein oder zwei Bilder von ihr, keines davon in meiner Erinnerung. ================================================ I hope I don't offend you by presuming to make a scientifically valid suggestion in your field: It seems obvious to me that the sentences which we are able to formulate are indeed inadequate to express the experiences of which they purport to give exhaustive descriptions. At the same time, I believe that these experiences induced changes in the mind, in the structure and function of the nervous system, in the molecular constellation of the brain, if you like to think of these changes in that way. I believe that experience, and especially that which we interpret as "knowledge" can be consistently explained only as an adaptive change in the organism which facilitates the organisms survival. I'm not peddling Lamarkian inheritance of acquired characteristics. The libraries and the high schools, the universities and "Realschulen" are among others the agents which transmit the acquired transformation of the brain from one generation to the next. In Konnarock, the driveway is blocked by two or more feet of snow. Somewhat to my disappointment we won't go to Detroit tomorrow as we had planned. Perhaps in a week or two when the snow has melted. Meanwhile I must get started on income tax returns, Margrit's and our own. I'm reluctant even to think about the cleaning up that needs to be done. And then, of course, waiting in the wings, lurk Judges Kafter, Vuono and Sikora ready to spring a surprise. Under the circumstances, I'd be surprised if I did much writing. The fact that you read my letters without laughing! makes me want to write more. But seriously now, it's time for a good laugh; you deserve it. Jochen