Subject: Sonnige Mai-Grüße aus Braunschweig From: "Caner Cetinkaya" Date: Sun, 29 May 2011 16:17:30 +0200 To: Ernst Meyer Hallo Jochen, die Reparaturmaßnahmen in meiner Wohnung sind endlich abgeschlossen und ich habe wieder Internetanschluß und kann wieder ihren interessanten Brief lesen, der mich wiedermal sehr inspiriert. Über ihre erste Begegnung mit einem Türken am Bienroder Weg mußte ich doch ein wenig lachen. Auch wenn es nicht so erfreulich war, zurückblickend sind manche Mißverständnisse doch sehr lustig. Die von dir erwähnte Kaserne gibt es nicht mehr, dort befindet sich jetzt eine zivile Einrichtung, nämlich ein Institut der Technischen Universität. Dort fahre ich immer mit meinem Fahrrad entlang, wenn ich meine Eltern besuchen möchte, wie ich es heute noch vor habe. Gestern habe ich in der Stadthalle ein sehr lustiges Theaterstück genießen dürfen. Es handelte von den Begegnungen zwischen Deutschen und Türken und entsprechenden Clichees und Vorurteilen, die wirklich sehr lustig von den jungen Schauspielern dargestellt wurden. Auch unser Oberbügermeister Dr. Gert Hoffmann war anwesend. In der Tat sind seit einigen Jahren immer mehr türkischstämmige Menschen in Kunst, Musik, Schauspiel und in anderen akademischen Berufen vertreten. So bin ich in unserem großen Krankenhaus erst der zweite türkischstämmige Arzt gewesen, der dort gearbeitet hat. Aber der Einfluß der türkischstämmigen Menschen in Deutschland ist noch sehr gering, auch auf die deutsche Sprache. Aber ich bin zuversichtlich, daß in den nächsten 10 bis 20 Jahren ein deutlicher positiver Beitrag in dieser Gesellschaft, wie es der jüdischen Bevölkerung in den letzten Jahrhunderten in Deutschland und Europa gelungen ist. Sie erwähnten das Reitlingstal und den buchenbeschattenen Pfad zum Tetzelstein, den ich bisher nicht gegangen bin. Um so mehr freue ich darauf, wenn ich diesen Weg diesen Sommer mit meinen Freunden gehen werde. Es sind interessante und sehr ähnliche Parallelen zwischen uns. So wie sie ihre ersten Jahre in Konnarock beschreiben, so erinnere ich an meine Kindheit, es war insbesondere für meine Eltern eine sehr schwere Zeit, was mir erst im Nachhinein bewußt wurde. Nachwievor- wie sie es schon vermuten- sprechen wir zu Hause Türkisch, wobei gelegentlich in besonderen emotionalen Momenten das Türkische und Deutsche sich vermischen. Auch ich habe meine Muttersprache fast vergessen, das wurde mir sehr deutlich, als ich vor einigen Jahren nach langer Zeit wieder in der Türkei Urlaub machte, und die dortigen Menschen mich aufgrund meiner schlechten türkischen Sprachkenntnisse für eine Italiener, Spanier oder einen Araber hielten, der etwas Türkisch gelernt hat. Daher habe ich mir vorgenommen, meine Sprachkenntnisse zu pflegen und zu erweitern. Es gelingt mir zum Glück sehr gut. Gerne schicke ich Dir Bilder aus Braunschweig, teile mir mit, wann ich sie schicken kann. Meinen Eltern, Geschwistern, Freunden und Arbeitskollegen habe ich von dir und der Lebensgeschichte deiner Familie erzählt und sie waren allesamt sehr erfreut darüber. Noch mehr würden wir uns freuen, wenn du uns und Braunschweig besuchen würdest. Du bist stets willkommen. Ich wünsche dir einen wunderschönen Tag und freue mich auf deinen nächsten Brief Caner