Lieber Nathaniel, Schon wieder sitze ich hier und schreibe Dir ueber Hoelderlin. Ich sollte mich schaemen! Erlaube mir erst, einige Verbesserungen meines letzten Briefes, German Lesson No. 4. Als ich ihn abschloss, war ein Gewitter im Aufzug, ich befuerchtete ein Blitz moechte den Rechner beschaedigen, deshalb versandte ich den Brief ohne ihn voellig korrigiert zu haben. [Again I'm sitting here writing to you about Hoelderlin. I ought to be ashamed! Permit me first a few corrections of my recent letter, German Lesson No. 4. As I was concluding, a thunderstorm approached, and from concern that lightning might damage the computer, I sent the letter without editing.] Ich schrieb: "Uebersieh bitte nicht die Taste an deine Rechner, die alles loescht. Richtig ist: "Uebersieh bitte nicht die Taste an _deinem_ Rechner, die alles loescht. Ich schrieb: "Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel, By the cool brook, it's play of waves," und haette, selbstverstaendlich schreiben sollen: "By the cool brook, its play of waves," Ich schrieb: "Bezeichnend finde ichs es in der englischen Sprache einen entsprechenden Ausdruck nicht gibt, weswegen ich den Titel des Gedichts mit "Coming Home"a uebersetze." und haette schreiben sollen: "Bezeichnend finde ich, dass es in der englischen Sprache einen entsprechenden Ausdruck nicht gibt, weswegen ich den Titel des Gedichts mit "Coming Home" uebersetze." Das Hoelderlin Gedicht, "Patmos" betitelt, das ich heute abend mit Dir ueberlegen moechte, ist eines der spaeteren Gedichte die Hoelderlin gelungen sind. Mir scheint, es ist auf der Schwelle des Wahnsinns geschrieben und ist vom drohenden Wahnsinn zugleich beschattet und erleuchtet. Stellenweise ist es (fast) unverstaendlich, und wer es zu "verstehen" behauptet ist entweder ein Narr oder ein Luegner. Nichtsdestoweniger begeistert mich "Patmos" als ein literarisches Prisma das, in dem es die Dichtung in ihre Komponenten erschliesst, und nicht nur das Wesen des Gedichts weit klarer erkennen laesst als manch gelungener Reim, sondern auch den Geist des Dichters und die Seelenwelt welche wir mit ihm Teilen. Lies es als eine Art "Metapoesie" welche einerseits an das Unsagbare, andererseits an das Unsinnige grenzt. [Hoelderlin's poem "Patmos", which I'd like to consider with you this evening, is one of the later poems Hoelderlin succeeded in writing. It seems to me to have been composed on the threshold of insanity, which both illuminates and casts over it a shadow. In places it is almost unintelligible, and who claims to "understand" it is either a fool or a liar. Nonetheless I'm fascinated by the poem as a literary prism which disperses the components of poetry, and permits one not only to identify the nature of the poem far more clearly than a composition of polished cadence and rhyme, but also discloses more clearly the mind of the poet and the world of spirit that we share with him. You might read "Patmos" as a species of "metapoetry", bounded on one extreme by what is ineffable and on the other by what is insane.] Patmos, wie Du vielleicht weisst, ist eine kleine Insel im Aegaeischen Meer, beruehmt als der Ort an welchem vermutlich die Offenbarung des Johannes, das abschliessende Buch des Neuen Testaments, verfasst wurde. So war Patmos fuer Hoelderlin der Schnittpunkt der griechischen mit der christlichen Religion. Man hatte Hoelderlin ins Tuebinger Stift geschickt, sich als evangelischer Pfarrer ausbilden zu lassen. Er weigerte sich. In allen seinen Gedichten bisher sind es die griechischen Goetter die von Hoelderlin besungen werden. Im zweiten Teil des Gedichtes Patmos erscheint endlich auch Christus, aber nicht als christlicher Gott, sondern als klassischer Held. Die theologischen Erwaegungen sind aber dann doch zu verwickelt. Das Gedicht betraegt 227 Zeilen, von denen ich nur etwa 88 zitiere. In diesem Briefe moechte ich mich mit der Uebersetung und Erklaerung auf die ersten vierzehn Zeilen des Gedichtes beschraenken. [Patmos, as you perhaps know, is a small Greek island in the Aegean, famous as the place where St. John presumably composed the "Revelations" that constitute the final book of the New Testament. Accordingly Patmos defines for Hoelderlin the intersection of Christian and Greek religions. Hoelderlin was an alumnus of Tuebinger Stift, a protestant seminary of which Nietzsche said that the list of its graduates was proof that German philosophy was a disingenuous parody of Protestant theology, - or something to that effect. The Wikipedia.de essay about "Tuebinger Stift" will give you his exact words. Hoelderlin rejected the life of a Lutheran cleric. In all his other poems it is the Greek, not the Christian gods to which he appeals. Finally, in the second half of "Patmos", the Christ finally appears, not however, as a Christian god, but as a classical hero. In this letter at least, I will forgo attempts to explore Hoelderlin's theology which is very intricate. I quote 88 lines of the poem, but translate and try to interpret only the introductory fourteen.] Also erst einmal die anfaenglichen 88 Zeilen des Texts: Patmos Nah ist Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst Das Rettende auch. Im Finstern wohnen Die Adler und furchtlos gehn Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg Auf leichtgebaueten Brücken. Drum, da gehäuft sind rings Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten Nah wohnen, ermattend auf Getrenntesten Bergen, So gib unschuldig Wasser, O Fittiche gib uns, treuesten Sinns Hinüberzugehn und wiederzukehren. So sprach ich, da entführte Mich schneller, denn ich vermutet Und weit, wohin ich nimmer Zu kommen gedacht, ein Genius mich Vom eigenen Haus'. Es dämmerten Im Zwielicht, da ich ging Der schattige Wald Und die sehnsüchtigen Bäche Der Heimat; nimmer kannt' ich die Länder; Doch bald, in frischem Glanze, Geheimnisvoll Im goldenen Rauche, blühte Schnellaufgewachsen, Mit Schritten der Sonne, Mit tausend Gipfeln duftend, Mir Asia auf, und geblendet sucht' Ich eines, das ich kennete, denn ungewohnt War ich der breiten Gassen, wo herab Vom Tmolus fährt Der goldgeschmückte Paktol Und Taurus stehet und Messogis, Und voll von Blumen der Garten, Ein stilles Feuer; aber im Lichte Blüht hoch der silberne Schnee; Und Zeug unsterblichen Lebens An unzugangbaren Wänden Uralt der Efeu wächst und getragen sind Von lebenden Säulen, Zedern und Lorbeern Die feierlichen, Die göttlichgebauten Paläste. Es rauschen aber um Asias Tore Hinziehend da und dort In ungewisser Meeresebene Der schattenlosen Straßen genug, Doch kennt die Inseln der Schiffer. Und da ich hörte Der nahegelegenen eine Sei Patmos, Verlangte mich sehr, Dort einzukehren und dort Der dunkeln Grotte zu nahn. Denn nicht, wie Cypros, Die quellenreiche, oder Der anderen eine Wohnt herrlich Patmos, Gastfreundlich aber ist Im ärmeren Hause Sie dennoch Und wenn vom Schiffbruch oder klagend Um die Heimat oder Den abgeschiedenen Freund Ihr nahet einer Der Fremden, hört sie es gern, und ihre Kinder Die Stimmen des heißen Hains, Und wo der Sand fällt, und sich spaltet Des Feldes Fläche, die Laute Sie hören ihn und liebend tönt Es wider von den Klagen des Manns. So pflegte Sie einst des gottgeliebten, Des Sehers, der in seliger Jugend war Gegangen mit Dem Sohne des Höchsten, unzertrennlich, denn Es liebte der Gewittertragende die Einfalt Des Jüngers und es sahe der achtsame Mann Das Angesicht des Gottes genau, Da, beim Geheimnisse des Weinstocks, sie Zusammensaßen, zu der Stunde des Gastmahls, Und in der großen Seele, ruhigahnend den Tod Aussprach der Herr und die letzte Liebe, denn nie genug Hatt' er von Güte zu sagen Der Worte, damals, und zu erheitern, da Ers sahe, das Zürnen der Welt. Denn alles ist gut. Drauf starb er. Vieles wäre Zu sagen davon. Und es sahn ihn, wie er siegend blickte Den Freudigsten die Freunde noch zuletzt, ================================== Von diesem langen Gedicht, uebersetze ich nur die ersten 14 Zeilen, kaum mehr als sechs Prozent. Patmos _ Nah ist _ Nearby Und schwer zu fassen der Gott. but beyond our grasp is the god. Wo aber Gefahr ist, waechst Where danger lurks, rescue Das Rettende auch. is rooted as well. Im Finstern wohnen In darkness dwell Die Adler und furchtlos gehn eagles and without fear Die Soehne der Alpen ueber den Abgrund weg the sons of the alps traverse the abyss Auf leichtgebaueten Bruecken. On bridges flimsily built. Drum, da gehaeuft sind rings Therefore, since piled about us Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten are summits of time and loved ones Nah wohnen, ermattend auf dwell near, languishing on Getrenntesten Bergen, most separate mountains, So gib unschuldig Wasser, give us the water of life, O Fittiche gib uns, treuesten Sinns Oh, give us wings of truest remembrance Hinueberzugehn und wiederzukehren. to visit them and to return. Diese einfuehrenden Strophen sind eine dialektische Darstellung der Geisteswelt - oder sollte ich schreiben, der Seelenwelt des Dichters. Beides geht auf dasselbe hinaus. Diese Welt wird nur in Widerspruechen erfasst. Der Gott - lies der sokratische Daimon - ist unmittelbar erlebt, und doch unfassbar. Die Welt ist gefahrenvoll, aber Gefahr zieht nach sich die Rettung. Sonst waere unser Leben unmoeglich. Die Tatsache, dass die Adler im Finstern nisten, dass die Voegel die naechst dem Lichte der Sonne schweben, in schwarzen unterirdischen Hoehlen brueten, ist sinnbildliche Darstellung der Dialektik unserer Existenz - wie sie im Schicksalslied dargestellt ist. Dass die Soehne der Alpen - also wir - furchtlos ueber den Abgrund gehen ist gleichfalls sinnbildlich. Der Abgrund ist Krankheit, Irrsinn, Leiden und Tod. Die leichtgebaueten Bruecken ueber diesem Abgrund sind fuer Hoelderlin seine Gedichte, fuer Dich vielleicht die Musik von Mozart, Beethoven, Mahler, fuer mich meine Schreibereien, und nicht zuletzt meine Kaempfe mit den Windmuehlen auf Nantucket. In dem Ueberqueren solcher "leichtgebaueten Bruecken" besteht unser Leben. Es folgt eine Beschreibung der Lebenswelt. In Vorausnahme zeitgenoessischer Relativitaetstheorien verschmilzen und Zeit und Raum. Die Zeit erweist ein raeumliches bergiges Gepraege. Die ermatteten Liebsten wohnen nah auf getrenntesten Bergen, also zugleich nah und fern. Es draengt den Dichter sie zu besuchen, aber er zweifelt an seinen Kraeften. Deshalb bittet er um "unschuldig Wasser," das heisst kostenloses Wasser, das Wasser des Lebens, in Anspielung auf den Text der Offenbarung; von Luther uebersetzt: "Denn wer da will der nehme das Wasser des Lebens umsonst." Die Jakobiner schrieben: "And whoso will, let him take the water of life freely." (Rev. 22:17) (MWRA take note.) Der Dichter bittet nunmehr um "Fittiche treuesten Sinns" hinueberzugehen zu den "ermatteten Liebsten" die auf "getrenntesten Bergen" wohnen und wiederzukehren, ein Pendeln zwischen verstreuten "Liebsten" worin unser inneres und manchmal unser aeusseres Leben besteht. [These introductory lines are a dialectical representation of the world of the poet's spirit - or should I write, of his soul. It amounts to the same thing. This world can be presented only dialectically, in contradictions. The god, read "ho theos", is the daimon of Socrates, not the God of Moses whose name, not to be uttered at all, cannot be prefixed with any article. The world is dangerous, but danger entails rescue, else our lives would be impossible. The circumstance that eagles nest in the dark, that the birds who soar closest to the light of the sun, raise their young in the dark, (This assertion is poetic license, ornithologically incorrect.) is symbolic for the dialectic of our existence - as described in the Song of Fate. That the sons of the Alps, namely ourselves, should fearlessly traverse flimsy bridges across the abyss, is similarly symbolic. The abyss is illness, madness, suffering and death. The flimsy bridges above the abyss are for Hoelderlin his poems, for you perhaps the music of Mozart, Beethoven, Mahler, for me my incessant scribbling and perhaps my tilting with the Nantucket windmills. Our lives are spent in crossing such flimsily built bridges. There follows a description of the world in which we live. In anticipation of of contemporary relativity theory, space and time merge, and time reveals a spatial dimension. There appear most separate mountains of time, on which are languishing those we love, close to us and yet far away. The poet who longs to visit them, despairs of his powers. That is why he prays for the debt-free water of life (unschuldig Wasser) promised by the Oracle of Patmos. "And whoso will, let him take the water of life freely." (Rev. 22:17) The poet now prays for wings of truest fidelity to visit the loved ones who languish on most separate peaks, and thence to return, a never ending life of commuting back and forth.] Somit die Einleitung zu diesem tiefsinnigen Gedicht das an Wahnsinn und Unsinn grenzt. Schreib mir bitte, ob Du weitere Uebersetzungen und Erklaerungen des restlichen Strophen dieses Gedichtes moechtest, oder ob es Dir lieber waere, in kuenftigen German Lessons, weniger verwickelte Literatur zu lesen. [So much for the introduction to this poem of obscure profundity which borders both on sublimity and on nonsense, on oracular wisdom and on insanity. Please let me knwo whether you wish translation and commentary on the rest of this poem or if future German Lessons would be more profitably spent on more accessible texts.] Jochen