Lieber Helmut, Fuer Deinen Brief bin ich, wie immer, sehr dankbar, und, weil es Dir einigermassen gut geht, hab ich ihn mit Freude gelesen. Dass Margaret und ich noch immer in Konnarock sind verdanken wir dem Richter, Judge Macdonald, der das zum 16. Juni angesetzte Verhoer auf einen unbestimmten Termin vertagt hat. Beim letzten Verhoer hatte ich ihm zum Abschied folgenden Bescheid erteilt (entschuldige falls ich mich wiederhole): "Your Honor, if an inspection of 'fairness and integrity' is to be expected of an inspector who has tampered with witnesses by threatening them, if they testified in my favor, then, Your Honor, you and I will have to invent a new definition for the term 'integrity'" Er war verdattert, murmelte: "Then we'll need an affidavit," und alsbald erschien die Notiz der Stornierung des naechsten Verhoers, Margaret und mir zum Geschenk eines weiteren zauberhaften Sommermonats in Konnarock. Ich habe ihn zum Teil benutzt den Zedernschindeln mit welchen das Haus verkleidet ist mit einer weiteren Schicht grau-blauer Farbe zu streichen, nicht des Aussehens halber, aber zum Schutz des Holzes das nachdem es 59 Jahre lang dem Wind, dem Regen, dem Sturm getrotzt hat, stellenweise muede, muerbe und bruechig wird. Der widerstandsfaehige Farbenmantel ist abgesehen das Holz noch einige Jahre zu erhalten damit es zumindesten mich ueberdauert. Nicht alle Schindeln vermochte ich zu streichen. Eine stark mitgenommene Giebelwand die nur von einem tiefer liegenden Dach erreichbar ist, musste ich auslassen, denn meine Hueftgelenke entbehren der Geschmeidigkeit mich von der Leiter aufs Dach zu schwingen. Beim naechsten Konnarockbesuch will ich versuchen einen juengeren, kraeftigeren Menschen zur Vervollstaendigung meines Malens anzustellen. Das Malen war eine willkommene Ablenkung, denn ich war - und bin - mit meinem Schreiben in die Verlegenheit geraten, dass ich mich einerseits des Schreibens bediene um mich von dem Nantucketstreit abzulenken, dass ich aber andererseits die Notwendigkeit spuere gerade ihn zu beschreiben, zu analysieren, von ihm zu fantasieren und zu traeumen. Das Schreiben also hat momentan die Wirkung dass es mich hinweist auf das was ich voruebergehend jedenfalls vergessen moechte. Hier finde ich, wie so oft, eine Wirklichkeit die nicht vermieden, nicht umgangen, sondern verarbeitet werden will. Von Nathaniel habe ich auf meinen Brief ueber Hoelderlins "Patmos" keine Antwort bekommen, und ich meinte ihn, der so viel anderes im Kopfe hat, nicht mit weiteren Gedanken stoeren zu sollen. Von Klemens erfahre ich, dass das Ende von Nathaniels zweiwoechigem Exerzitium in Rumanien besser war als der Anfang, dass Nathaniel hernach eine Woche in Deutschland verbracht hat, wo er mit Freunden sich Augsburg, Fuessen, Hamburg, Bremen und Lueneburg offensichtlich in Eile, anschaute, dann in dieser Woche an einer "master class" im Dirigiren in London teilnahm, und heute, morgen oder uebermorgen nach Belmont zurueckkehren wird. Ein bevorzugtes und doch nicht leichtes Leben. Das grundlegende Thema meines Denkens an, meiner Sorge um Dich, das basso continuo, wenn Du mir die Anspielung auf die Musik erlaubst, ist meine aerztliche Besorgnis um den Schmerz und um die Krankheit; ob es mir moeglich waere Dir dein Leben durch meine Teilnahme, statt zu erschweren, wenn auch nur ein wenig, leichter und schoener zu machen. Bei dieser Bemuehung entdecke ich, dass ein jeder von uns nur vom eigenen Schmerz, von der eigenen Krankheit zu erzaehlen vermag, und dass Verstaednis moeglich wird, wenn ueberhaupt, nur in der vom Individuum unabhaengigen Darstellung des Erlebens, in der Dichtung also, im Gedicht. Von theoretischem Interesse fuer mich ist die "wissenschaftliche" Feststellung, dass der Schmerz im Gehirn und im Rueckenmark, also im zentralen Nervensystem empfunden, i.e. "erlebt" wird, und dass biochemische Stoffe, sogenannte "endorphins" http://www.google.com/search?hl=en&source=hp&q=endorphins&aq=4s&aqi=g4g-s1g5&aql=&oq=endomorph entdeckt sind, welche das Ausmass des Schmerzes im Gehirn beeinflussen. (Die Schokoladenfabrikanten behaupten dass Schokolade schmerzlindernd sei!) Ich hatte neulich ein Erlebnis das ich in einem Brief an meine Freundin Cynthi Behrman beschrieb: A relevant experience of my own occurred four nights ago, after I had decided to celebrate a strenuous afternoon of house-painting with two 12 oz. bottles of beer at bedtime. Whether propter hoc or only post hoc, I can't say with certainty, but pain in my arthritic right hip which had dutifully acquiesced to several hours on the ladder, kept me awake most of the night, only to disappear with the morning light, once the alcohol had been metabolized. My interpretation is not that the alcohol seeped down into the hip joint to cause it to ache, but rather that the unaccustomed alcohol had somehow interfered with the endorphins' normal suppression of pain. That's merely a guess; I can't prove it, but I'm not going to repeat the experiment. My point: chronic pain is a mental, not a physical or chemical phenomenon, and can seldom be alleviated by purely physical and chemical means. Wie ich des Nachts bestrebt bin irgend Rueckenschmerzen oder Schmerzen im Bein durch Bewegung und Lagenveraenderung zu beschwichtigen, so bin ich bestrebt durch Beobachtung jenes Verhalten festzustellen das Schmerzen hervorruft oder sie lindert. Also vorlaeufig jedenfalls, keine weiteren zwei Flaschen Bier vorm Zubettgehen. Auch meine ich bemerkt zu haben, dass Bewegung, selbst wenn sie ein wenig weh tut, den staerkeren Schmerzen vorbeugt. - Nun hab ich Dir Ursache gegeben zum Lachen, ueber die Mitteilung meiner verantwortungslosen Hirngespinste zu lachen. Und das Lachen sagt mag, moechte auch die Endorphine heraufbeschwoeren und dem Schmerz vorbeugen. Leb' wohl - im eigentlichen Sinne dieser schoenen und guten Worte. Dein Jochen. PS Die unvollstaendige Urinverhaltung sollte, meine ich, keines Dauerkatheders beduerfen. Meine Vorstellung ist, dass es dem Urologen moeglich sein sollte lokale Prostataobstruktion mittels von transurethraler Chirugie zu beheben, selbstverstaendlich nur wenn unbedingt notwendig.