Subject: spaete Antwort From: Hartmut Steinrück Date: Mon, 19 Sep 2011 11:46:07 +0200 To: "Ernst Jochen meyer" Lieber Jochen, seit vielen Wochen plagt mich das schlechte Gewissen und der gute Vorsatz, Deinen schoenen langen Brief vom Mai zu beantworten. Ich nehme dankbar und erfreut das Angebot an, das "hoefische Sie" in das vertraulichere "Du" umzuwandeln. Inzwischen geht tatsaechlich der Sommer seinem Ende entgegen. Er brachte etliche schoene Tage und zahlreiche interessante Erlebnisse mit sich. Nun kommen mir beim Morgenspaziergang mit dem Hund oder beim Gang durch den Garten die Strophen von Herrmann Hesse "Der Garten trauert..." und "Seltsam, im Nebel zu wandern..." in den Sinn. Beide stehen in dem kleinen Buechlein, das ich Dir mitschickte. Wie schoen er diese Herbststimmung in Versform gefasst hat. Bewundernswert finden wir auch, wie meisterhaft Du die deutsche Sprache mit all ihren Nuancen beherrschst, obgleich du mit 9 Jahren dieses Land verlassen musstest. Vor 10 Tagen sind wir mit unseren engsten Freunden nach Naumburg und Weimar gefahren, um eine Sonderausstellung über den Naumburger Meister anzuschauen. da habe ich auf der Hinfahrt zur Einstimmung das erste Drittel Deines Briefes vorgelesen.Auch Monika -ehem.Chefaerztin der Paediatrie- und Eberhard - emerit. Prof. für Anaesthesie in der Berliner Charité- waren sehr beeindruckt. Wir sind spaeter die Steinstufen des Lettnertors emporgestiegen, die Dir so vertraut waren. Im Dom waren neben den dort beheimateten Figuren zahlreich aus Frankreich und anderen deutschen Orten herbeigeschaffte Plastiken zu bewundern, die gleichfalls dem Naumburger Meister zugeschrieben werden. Das war eindrucksvoll. Ebenso der anschliessende Besuch im Kloster Pforte, wo Hartmut viel Interessantes und Skurriles aus seiner Schulzeit dort zu berichten weiss. Bei schoenstem Sonnenschein folgte dann ein Spaziergang an der Saale entlang am Fusse der Weinberge, mit teils ueppigen Reben behangen, bis ein Gewitter aufzog. Am naechsten Tag haben wir Weimar und Erfurt besucht und uns gefreut, wie viele der in der DDR-Zeit vernachlaessigten alten Bauwerte in neuem Glanz erstrahlen. Unser Hotel stand am Ende des Parks an der Ilm, so dass wir mehrmals durch diesen an Goethes Gartenhaus vorbeispaziert sind. Unsere Freundin Monika ist seit der Jugend eine Goethe-Verehrerin, ich hatte es frueher mehr mit Schiller. Beide haben wir uns ein kleines vergoldetes Gingkoblatt geleistet. Beide haben wir auch einen Gingkobaum im Garten. dessen leuchtend gelbe Herbstblaetter man am liebsten alle aufheben moechte. Erfurt stand schon im Zeichen des bevorstehenden Papstbesuches. in den Schaufenstern Tassen, Kerzen, Bilder und viele Postkarten mit seinem Konterfei, so ein frommer Zirkus! Im August haben wir vier und noch ein weiters befreundetes Ehepaar an einer Busrundreise durch die baltischen Republiken teilgenommen. Da hatte ich mich besonders auf das Thomas-Mann-Haus in Nidden auf der Kurischen Nehrung und die Stadt Tallin gefreut. Der Ausflug nach Nidden fiel auf den unwirtlichsten Tag der ganzen Reise mit Sturm und Regen und wurde von den Kulturbanausen der Reiseleitung zu unserm Aerger so verkuerzt, dass keine Zeit zum Aufsuchen des zeitweiligen Sommerhauses der Manns blieb. Aber Tallinn, die Hauptstadt Estlands, erfuellte unsere Erwartungen voll und ganz.Unversehrte und gepflegte alte Gebaude, darunter die angeblich aelteste Apotheke Europas, in der man zu unserer Verwunderung antiquarische Dinge aus der Hitler- und Stalinzeit erwerben konnte, so einen "Fuehrerwein " mit dem Konterfei des Diktators.Die Stadt erinnert mich an Prag, ueber der Altstadt ein Burgberg mit Dom, alles dicht beieinander und zu Fuss bequem zu erkunden. Riga und Vilnius sind ebenfalls sehenswert. Aufgefallen ist uns, dass die oertlichen Stadtfuehrerinnen in allen drei Hauptstaedten mit Stolz von ihrem Land und zum Teil auch von ihrer Regierung berichteten, obwohl alle drei grosse wirtschaftliche Schwierigkeiten haben und die Armut, insbesondere der alten Leute, betraechtlich ist. Da wird nicht so viel gemeckert und geklagt wie in Deutschland, es ueberwiegt die Freude, die sowjetische Herrschaft abgeschuettelt zu haben. Es scheint so, das auch Amerika zunehmend von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Wir hoffen dann stets, dass Ihr nicht betroffen sein und Ihr Virginia schon verlassen hattet, als es dort ungemuetlich wurde. Ausserdem hoffe ich, dass die Gerichtsverhandlung im Juni nicht zu Deinen Ungunsten ausging. Wirst Du Deine wiederentdeckten Jugenderinnerungen zugaenglich machen oder lieber doch nicht? Ich habe mein "Tagebuch"aus jungen Jahren längst weggeworfen, es war aber auch zu banal. Nunist es Zeit ,in die Kueche zu gehen und das Mittagessen vorzubereiten. Ich freue mich auf Deinen naechsten bericht und verspreche, die Antwort nicht wieder so lange hinauszuzoegern. Ich verbleibe mit vielen Gruessen auch an Deine Frau Margret