Lieber Jürgen Hartmann, Dass dieser zweite Brief dem ersten so unmittelbar folgt, mag mit der Vergesslichkeit des Dreiundachtigjährigen erklärt und entschuldigt werden. Mein schwindendes Gedächtnis erlaubt kein Zögern und veranlasst mich niederzuschreiben und abzusenden was mein Gemüt jeweils beschäftigt. Ihre Schriften über the Oerlinghausener Synagoge und über die Verfolgungen der Juden in Oerlinghausen habe ich mit großem Interesse gelesen, habe aus ihnen endlich das Schicksal meines Großonkels, des Arztes Max Meyer, erfahren. Ich vermag meine einzige Begegnung mit ihm nicht zu vergessen, denn er hat mir bei der Gelegenheit als kleines, drei, vier, fünf Jahre junges Kind eine Tracht Prügel verpasst, die ich anderweitig nicht gewohnt war. Meine Eltern, meine Schwester und ich waren im Auto von Braunschweig nach Oerlinghausen gefahren - ich erinnere die Weserbrücke in Hameln, wo der Rattenfänger die Kinder nach sich zog. Ich erinnere in Onkel Maxens Haus einen schmalen Flur, in ein lichtes Wohnzimmer mündend, und ich höre mich schreien ununterbrochen, untröstlich schreien, der ich an entsetzlicher Trennungsangst litt, weil meine Mutter mich verlassen hatte. Sie und mein Vater machten einen Besuch, ich glaube bei Tante Tony. Onkel Max verstand mit ungezogenen Kindern umzugehen, und schaffte sich und den anderen Familienmitgliedern endlich Ruhe. Er muss ein eindrucksvoller Mensch gewesen sein. Sein Sohn Georg wurde Arzt, sein Neffe Heinz, mein Vater, wurde Landarzt wie er selbst, und auch ich habe sechs Jahre als Landarzt in Damascus gewirkt, - nicht im Nahen Osten, sondern in Damascus, Virginia. Es waren die menschlich ergiebigsten Jahre meiner medizinischen Tätigkeit. Ich habe meinen Großonkel anderweitig nicht gekannt, habe aber seinen Namen, doch wohl kaum sein Wesen, einem fiktiven Großgrundbesitzer, Maximilian Katenus, in meinem Roman Vier Freunde vermacht. Meine Eltern sind bei einer Deutschlandreise 1956 nach Oerlinghausen zurückgekehrt. Meine Mutter berichtete sie hätte sich bei den örtlichen Behörden über den verwahrlosten Zustand des jüdischen Friedhofs beschwert. Mein Vater hat Photographien seines Elternhauses, Detmolderstraße 1, des damaligen Rathauses gemacht. Dann fuhren sie weiter. Achtundzwanzig Jahre später haben meine Frau Margaret, mein Sohn Klemens und ich Oerlinghausen besucht, sind auf den Tönsberg spaziert, und zurück zum jüdischen Friedhof. Da dieser verriegelt war, sind wir, Einbrecher die wir nun einmal waren, über die Mauer zu den Unsrigen geklettert, haben den Toten denen wir das Leben schulden unsere Ehrerbietung bezeugt, und sind dann eh irgend polizeiliche Gespenster uns ertappen konnten, über die Mauer zurück in den Alltag geklettert. Die Synagoge als Kunsthalle dünkt mich, dem die Religion nur als Kunst erträglich und die Kunst nur als Religion verständlich ist, die denkbar sinnvollste Abwandlung dieses Gebäudes. Wir begrüssten ein letztes Mal das alte Elternhaus an der Detmolderstraße und fuhren bald durch die Berge nach Paderborn. Mein Vater hatte eine zweideutige Beziehung zu seiner lippischen Heimat, und ich vermute auch zu seinem Elternhaus - über diese Themen mehr bei möglicher späterer Gelegenheit - welche sich in einem Liedchen bekundet das er uns vorgesungen hat, ein kleines Kunstwerk das soviel ich festzustellen vermag, noch nicht ins World Wide Web gedrungen ist. Wenn's irgendwie echt ist, möchten Sie es kennen, und vielleicht gehörig korregieren. Heute Abend höre ich ihn, aber nur undeutlich, es singen: "Oerlinghausen, schönes Städtchen, das im Lipperlande liegt, An dem Teuteburgerwalde wo die Römer einst besiegt, Idealer Luftschnappkurort, nie von der Kultur beleckt, In dich hat ein Battaliönchen Königskindermann gesteckt. Und es freuet sich die Stadt, dass Soldaten sie nun hat In der schönen in der blauen .... Militärsuniform." Mein Gedächtnis verlässt mich. Könnten Sie es ergänzen? Die militaristischen Sympathien meines Großvaters, bestätigt auch in Ihrem Bericht, sind mir unbegreiflich, Feigling und Pazifist der ich nun einmal bin. In meinem Elternhaus in Virginia hängt in breitem schwarzen Rahmen die "Declaration des droits de l'homme" des französischen Abgeordnetenhauses, (etwa 1789) wahrscheinlich der letzte Gruss aus dem Felde den mein Onkel Ernst Joachim seinen Eltern sandte. Mein Großvater hat es an der unteren Leiste mit einem kleinen Schild versehen lassen: "Andenken an unsern Sohn Ernst Joachim Meyer, gefallen bei Souchez, Frankreich, 1914" geziert statt mit dem Davidstern, mit einem Eisernen Kreuz. Unverständlich ist mir, dass nachdem der älteste Sohn, Ernst Joachim als Freiwilliger gefallen war, und der zweite Sohn Fritz schon als Freiwilliger diente, auch der dritte und jüngste, Heinz, mein Vater, sich freiwillig zum Militär meinte melden zu sollen. Als in frühem Alter meine Neigung zur Einsamkeit und Nachdenklichkeit sich offenbarte, hat mein Vater des öfteren zu mir gesagt: "Warte nur bis sie dich beim Militär kriegen." Aber es ist ihnen nicht gelungen. Felix Krull war mein Lehrer, und ich habe seine Kunst meinem Sohn und meinen Enkeln vermacht. Übrigens berichtet mein Sohn er habe die erwähnte Genealogie verwahrt. Eine PDF Abschrift steht Ihnen jederzeit zur Verfügung. Falls es noch nicht genug ist, falls Sie weitere Fragen an mich haben, bitte scheuen Sie nicht diese zu stellen. Ich wünsche Ihnen alles Gute. Ihr Jochen Meyer