Lieber Herr Nielsen, Es ist mein Treppenwitz der mir nun schließlich den Versuch nahelegt mir anzumaßen Ihnen bei dem "hermeneutischen Einstieg in die komplexe Thematik", den sie in Ihrem vorgestrigen Briefe erwähnen, ein wenig behilflich zu sein. Als ich im Frühjahr 1963, meine Ausbildung als Augenarzt antrat, war die erste Aufgabe die mir gestellt wurde, mitzuwirken als Assistent bei einer Forschungsarbeit welche gemeinsam im Krankenhaus, the Massachusetts Eye and Ear Infirmary (MEEI), und an der Universität, the Massachusetts Institute of Technology, (MIT) durchgeführt werden sollte. Es handelte sich um eine durch elektronische Rechner gesteuerte Analyse der Augenbewegungen, und weil damals - es war vor der Epoche des "persönlichen Rechner" (personal computer) nur MIT über die noch sehr kostspieligen Instrumente verfügte, war vorgesehen die von besonderen Messbrillen bei Patienten erzeugten elektrischen Wellen, telephonisch von MEEI nach MIT zu übertragen um sie dort rechnerischen mathemathischen Analysen zu unterziehen. Der Rechner war in einem weitgehend auch für Militärforschung in Anspruch genommenen Laboratorium aufgestellt, dessen Eingang die abschreckende Warnung trug: "Secret, Entrance prohibited to all except authorized personnel." und jedes Öffnen der Tür wurde von gehörigem Sirenengeheul begleitet. Es ist verständlich dass ich eingeschüchtert war, dass ich anfangs, aus Furcht der Spionage verdächtigt zu werden, nicht einmal wagte zu fragen um welche Art militärischer Forschung es sich denn eigentlich handelte. Nachdem ich dann Monate lang Mut gesammelt hatte, fragte ich schließlich den Forschungsleiter: "Am I permitted to ask what the secret research is about?" Der lachte, und gab zur Antwort, "The only secret is that there is no secret." Es ist an Ihnen, lieber Herr Nielsen, zu entscheiden ob das Märchen Hans Christian Andersens von den neuen Kleidern des Kaisers sich auf mich und mein Denken bezieht, oder ob dies Märchen, wie ich vorschlage, die schlüssige Anweisung für den von Ihnen gesuchten hermeneutischen Einstieg in die komplexe Thematik sein möchte, eine Anweisung im Sinne des Sokrates der sich gegen die Sophisten mit der Feststellung behauptete, er wüsste nichts als dass er nichts wüsste. Dementsprechend meine ich "das Philosophieren" als eine normale, unvermeidliche und unentbehrliche inwendige Geistestätigkeit der Menschen zu erleben, auf die hinzuweisen zwar möglich sein sollte, eine Geistestätigkeit jedoch welche keine Ergebnisse erzeugt die sich als Gegenstände darstellen und akademisch vermarkten ließen. Ich vermag die Ergebnisse dieser inwendigen Geistestätigkeit ebenso wenig mitzuteilen, wie ich es vermag meine Wahrnehmung des gestirnten Himmels über mir, gegenständlich mitzuteilen. Das Philosophieren mit ausgesuchten Begriffen wäre dann ein Hinweisen auf das innere Erleben vergleichbar dem Hinweisen mit ausgestrecktem Zeigefinger auf das unbeschreibbare Himmelsbild. Der Vergleich lässt sich, glaube ich, noch weiter führen. Wenn ich mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den gestirnten Himmel weise, liegt das Missverständis sehr nahe, der neben mir Stehende solle auf meinen Finger statt auf die Sterne blicken; und genau dies ist das durchdringende Missverständnis der Schulphilosophie. Gleichbedeutend mit dem ausgestreckten Finger der auf den Himmel weist, sind die scholastischen Formeln von Aristoteles bis Heidegger welche beanspruchen auf das lebendige Denken hinzuweisen und dennoch die Gefahr laufen vom lebendigen Denken abzulenken oder gar es zu verdecken. Nichts liegt mir ferner als zu behaupten, Sokrates und Kierkegaard (und ich) besäßen ein Monopol auf Philosophie. Das Bedürfnis, die Notwendigkeit zu Denken ist universell, und nicht weniger universell ist der Versuch sein Denken mitzuteilen. Dieser Versuch sein Denken mitzuteilen kommt unvermeidlich in wörtlichen Darstellungen zum Ausdruck, in einer Scholastik die in den Schulen und auf den Universitäten als Philosophie gelehrt wird. Der Anspruch die Ergebnisse des gedanklichen Erlebens sprachlich, literarisch zu prägen bewirkt scholastische Darstellungen. Platon hat dergleichen mittels der Dialektik seiner Gespräche weitgehend vermieden. Mit Aristoteles jedoch hat sich die Scholastik ein für alle Mal in unserer Tradition eingenistet. Ihr größtes modernes Beispiel ist Kant. Statt zu beanspruchen in scholastischer Weise die Ergebnisse des gedanklichen Erlebens objektiv, i.e. in Protokollsätzen auszusprechen, sollte es möglich sein, und ist meines Erachtens ersprießlicher, im Gedicht, im Roman, und auch, sehr vorsichtig, in sachlichen Aufsätzen auf das gedankliche Erleben hinzuweisen ohne zu beanspruchen es erschöpfend wiederzugeben. Und genau dieses ist was zu tun ich in meinen Romanen bezwecke. Für meine Anmaßung Sie zu belehren bitte ich um Entschuldigung. Ihnen und Ihrer Frau herzliche Grüße von uns beiden. Jochen Meyer