Lieber Herr Nielsen, Meinen Beschreibungen der Beziehungen zu den Professoren Vietor und Jaeger sollte ich noch hinzufügen, dass Vietor meine Entscheidung Medizin zu studieren befürwortete und es unterließ mir zu einer akademischen Laufbahn zu raten oder gar zuzureden, nicht denke ich, wegen mangelnder Fähigkeiten meinerseits, sondern in Folge der beruflichen Enttäuschungen die Vietor selbst widerfahren waren. Er beklagte sich über die geistig-seelische Trägkeit der Studenten an die er sich zu verausgaben hatte. Als ich ihm berichtete PMLA, the journal of the Modern Language Association of America, habe Veröffentlichung meiner Dissertation über Lou Andreas-Salome abgelehnt, tröstete Vietor mich mit Beschreibungen der Schwierigkeiten mit welchen sogar ihm die Veröffentlichung seiner Arbeiten behindert würde. Damals, als ich mich zum Medizinstudium entschied, schien mir die Alternative entweder Arzt zu werden, wie mein Vater, oder ein Dasein wie Stoners zu fristen: eine Lehrtätigkeit an einer zweitrangigen Universität die lediglich in Anfangsunterricht in der deutschen Sprache an interesselosen Studenten denen das Fußballspiel um manches bedeutender erschien bestehen würde. Ich war damals, und bin heute noch überzeugt, dass ich die Konkurrenz an keiner erstklassigen Universität hätte überwinden können. Später, als ich in Cambridge Augenheilkunde praktizierte und sämtliche Mitglieder des Harvard German Department, fast alles Frauen, meine Patientinnen geworden waren, erfuhr ich aus erster Hand den Geist dem ich zum Opfer gefallen wäre. Stoner bestätigt ein weiteres Mal meine Ahnungen betreffs der beruflichen Atmosphäre in welche ich mich mit dem Versuch deutsche oder vergleichende Literatur zu lehren begeben hätte. Damals tröstete ich mich mit der Vorstellung, dass mir die medizinische Praxis es ermöglichen würde in der Welt wie, z.B. Dostoevski sie beschreibt, selbst mitzuwirken statt nur über sie zu dozieren. Diese Vorstellung hat sich bewährt. So schwierig das Medizinstudium mir auch geworden ist, meine Entscheidung zu ihm habe ich nie bereut, und weil ich eine amerikanische Frau gefunden hatte, habe ich Vietors Rat nach Deutschland zurückzukehren nie in Erwägung gezogen. In den Jahren wo ich Jaegers Seminare besuchte, war ich schon Medizin- student. Ab und zu bezog Jaeger sich auf mich mit einem scherzhaften, wohlwollenden "ho iatros". Ich unterließ es Ihnen zu erwähnen, dass er mich damals einlud ihn in seinem Studierzimmer zu besuchen um mit ihm Platons Protagoras zu lesen. Ich besinne mich, dass er mich mindestens zwei Mal zum Mittagessen im Window Shop einlud, - das war ein Restaurant in der Nähe des Harvard Square von deutschen Emigranten gegründet. Dort gab es Wiener Schnitzel so erstklassig wie ich sie nirgends anderswo genossen habe. Was nun gegenwärtige Erwägungen anbelangt, möchte ich betonen, dass ich Stoner zwar gewissenhaft, aber doch nur einmal gelesen habe, und dass ich mich gerne eingehender mit diesem Text beschäftigte, wenn Sie es für wünschenswert hielten. Ich vermute die berufliche - und vielleicht auch die menschliche Problematik die sich in den Seiten dieses Buches spiegelt, hat zähe persönliche autobiographische Wurzeln, und dass auch in diesem Falle das Kunstwerk dem Verfasser dient die Schmerzhaftigkeit seines Lebens zu verwinden. In meinem Roman "Vier Freunde" hab' ich eine Konjektur entwickelt: Jehovahs Befehl an Mose, eine eherne Schlange als Verhütungsmittel gegen das tödliche Schlangengift zu hissen (4 Mose 21:9) ist zugleich eine Widerrufung des Bilderverbots und die Gründung der Kunst. "Überdies meine ich genauer verstanden zu haben," erklärte Katenus, was es denn ist, wie es zustande kommt, dass mich die Beschreibung, die literarische Darstellung des Erlebten und des Erlebens befriedigt, beruhigt, und meine Seelenschmerzen, Ihr habt mir das Wort in den Mund gelegt, lindert. Das ist eine sehr alte Geschichte. Ich werde sie Euch wiederholen: "DA sprach der HERR zu Mose / Mache dir eine ehrne Schlange / vnd richte sie zum Zeichen auff / Wer gebissen ist / vnd sihet sie an / der sol leben." "Ich verstehe nicht," sagte Joachim, "Was das mit Seelenschmerzen zu tun hat." "Das verstehst Du nicht mein Junge?" sagte Ketanus im Ton väterlicher Belehrung. Auch Mengs war sich nicht sofort im Klaren, was dies Gleichnis besagen oder gar beweisen sollte. Er war es aber zufrieden das Fragen Joachim zu überlassen; es blieb ihm somit erspart die Grenzen seines Verständnisses bloßlegen zu müssen. "Die von der Schlange zugefügte Bisswunde, an welcher zu sterben der Mensch in Gefahr ist," fuhr Katenus fort, "das sind die Seelenschmerzen welche uns Tag für Tag zu überwältigen drohen. Und die Besonderheiten des Lebens welche uns diese Schmerzen verursachen, das sind, bildlich dar- gestellt Schlangen, giftige Schlangen. Von den tödlichen Bissen dieser Giftschlangen werden wir geheilt, indem wir uns die Umstände unserer Verletzungen vergegenwärtigen; indem wir uns eherne Schlangen anfertigen. Diese ehernen Schlangen sind das prototypische Kunstwerk, womit der Mensch sich seiner seelischen Leiden entwindet oder diese überwindet, wie ihr's wollt. Kunst möchte ich sagen jeder, oder fast jeder Art." vgl auch http://home.earthlink.net/~ernstmeyer/freunde/f013.html Im Dämmerlicht heute Morgen flüsterte mir mein Treppenwitz ein, es möchte erbaulich sein den unglückseligen Stoner als einen stummen Hölderlin zu erkennen, und Katharine Driscoll seine amerikanische Diotima. Hat doch Goethe in dialektischem Sinne mit den Worten die er seinem Tasso in den Mund legte, das Schicksal des William Stoner vorausgesagt: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide," Ist nicht Hölderlin auch die Hollis Lomax auferlegte Rolle treffend beschrieben? Wohl! ich wußt' es zuvor. Seit der gewurzelte Allentzweiende Haß Götter und Menschen trennt, Muß, mit Blut sie zu sühnen, Muß der Liebenden Herz vergehn. Auch die Vergesslichkeit, die Tatsache dass nach ihrer Abreise Katherine Driscoll kaum mehr genannt wird, dass sie fast vergessen wird, hat Hölderlin vorausgesehen: Laß mich schweigen! o laß nimmer von nun an mich Dieses Tödliche sehn, daß ich im Frieden doch Hin ins Einsame ziehe, Und noch unser der Abschied sei! Reich die Schale mir selbst, daß ich des rettenden Heilgen Giftes genug, daß ich des Lethetranks Mit dir trinke, daß alles, Haß und Liebe, vergessen sei! Hingehn will ich. Vielleicht seh' ich in langer Zeit Diotima! dich hier. Aber verblutet ist Dann das Wünschen und friedlich Gleich den Seligen, fremd sind wir, Wie ich erwähnte, ist's mir gelungen den Text des gesamten Stoner vom Internet abzurufen. Es wäre mir eine Leichtigkeit Ihnen wenn es Ihnen behilflich wäre, das vollständige Buch oder von Ihnen ausgesuchte Seiten als Anhang einer e-mail zu übersenden. Betreffs Albert im Siebten Kapitel nach dem Sie fragten scheint mir folgendes bemerkenswert. Bankhead, das verschollene Städtchen in der Bergesschlucht ist keine Erfindung von mir. Lassen Sie sich von Wikipedia überzeugen! http://en.wikipedia.org/wiki/Bankhead,_Alberta Genau wie Döhring, hatten meine Frau und ich uns von dem Wege nach Mt. Norquay verfahren, als wir uns die steile Treppe hinab in die verwunschene Landschaft reinster Subjektivität begaben. Das Arioso aus Bachs Matthäuspassion welches ich dort mit Geistes - oder sollte ich schreiben, mit Seelenohren hörte ist ein Familienkleinod mit dem ich seit frühster Kindheit vertraut bin: BASS: Am Abend, da es kühle war, Ward Adams Fallen offenbar; Am Abend drücket ihn der Heiland nieder. Am Abend kam die Taube wieder Und trug ein Ölblatt in dem Munde. O schöne Zeit! O Abendstunde! Der Friedensschluss ist nun mit Gott gemacht, Denn Jesus hat sein Kreuz vollbracht. Sein Leichnam kömmt zur Ruh, Ach! liebe Seele, bitte du, Geh, lasse dir den toten Jesum schenken, O heilsames, o köstlichs Angedenken! Wenn Sie mit diesem Arioso und der ihm folgenden Arie, "Mache dich, meine Herze, rein" nicht vertraut sind, möchte es ersprießlicher sein sie in sich aufzunehmen, statt sich mit meinen Phantasieausschweifungen abzugeben. Der Sänger ist ein Einsiedler, dem ich den Namen Albert gegeben habe angedenk Albert Schweitzers dessen Missionstätigkeit in Afrika zuweilen als Ablehnung des europäischen Kulturwesens vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges gedeutet wird. Mit wie viel Berechtigung, weiß ich nicht. Eindeutig aber ist die Abscheu gegen seine zeitgenössische Kultur welche meinen Albert von Thüringen ins kanadische Felsengebirge getrieben hat wo er sich meint sich mit den wilden Tieren angefreundet zu haben und mittels der Musik die er sich singt und spielt geistig am Leben erhält. Er ist entschlossen Albert Schweitzers Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben zu verwirklichen. Er ist überzeugt, dass das sogenannte Böse nichts ist als Ausdruck des von Natur bestimmten Wesens des Menschen. Er kennt keinen Verbecher, denn seine Überlegungen und sein Verständnis der Weissagungen des Jesaja haben ihn überzeugt dass der Verbrecher, sei sein Verbrechen auch noch so groß, der Bote Gottes ist. Der einschlägige Text steht im 5. Vers des 53 Kapitel Jesajas. Die ursprünglichen hebräischen Worte sind mir nicht zugänglich, deshalb zitiere ich verschiedene Übersetzungen: 53:5 αυτος δε ετραυματισθη δια τας ανομιας ημων και μεμαλακισται δια τας αμαρτιας ημων παιδεια ειρηνης ημων επ' αυτον τω μωλωπι αυτου ημεις ιαθημεν 53:5 ipse autem vulneratus est propter iniquitates nostras adtritus est propter scelera nostra disciplina pacis nostrae super eum et livore eius sanati sumus 53:5 Aber er ist vmb vnser Missethat willen verwundet / vnd vmb vnser Sunde willen zuschlagen / Die Straffe ligt auff Jm / Auff das wir Friede hetten / Vnd durch seine Wunden sind wir geheilet. 53:5 But he was wounded for our transgressions, he was bruised for our iniquities: the chastisement of our peace was upon him; and with his stripes we are healed. 53:5 Mais il était blessé pour nos péchés, Brisé pour nos iniquités; Le châtiment qui nous donne la paix est tombé sur lui, Et c’est par ses meurtrissures que nous sommes guéris[c]. La Bible du Semeur (BDS) 53:5 Mais c'est pour nos péchés qu'il a été percé, c'est pour nos fautes qu'il a été brisé. Le châtiment qui nous donne la paix est retombé sur lui et c'est par ses blessures que nous sommes guéris[a]. Segond 21 (SG21) 53:5 Mais lui, il était blessé à cause de nos transgressions, brisé à cause de nos fautes: la punition qui nous donne la paix est tombée sur lui, et c'est par ses blessures que nous sommes guéris.