Lieber Herr Nielsen, Vielen herzlichen Dank für Ihr verständnisvollen Schreiben. Es ist mir unverkennbar, dass diese täglichen Briefe von mir, jedenfalls insoweit sie eine Antwort zu erfordern scheinen, eine ungebührliche Belastung für Sie darstellen. Ich betrachte mein Schreiben als die Geschwätzigkeit eines auf der Schwelle der Senilität schwankenden alten Mannes, ein Redefluss gegen den es für Sie keine Abwehr gäbe als das Schweigen. Dass Sie dennoch meine Briefe beantworten, dass Sie gewillt sind sich auf meine improvisierten Gedanken einzulassen, bezeugt von Ihnen eine wohlwollende Menschlichkeit der besondere Anerkennung gebührt, und welche ich unter keinen Umständen ausnützen darf. Ein jeder Ihrer Briefe schenkt mir eine Vielzahl von Anregungen, Hinweise auf Bereiche die mir bisher unbekannt waren, Hinweise auf Vorstellungen die wesentliche Auseinandersetzungen nach sich ziehen. Zugleich behindert mich ein meinem Alter entsprechendes flüchtiges Gedächtnis, so dass ich mich am Nachmittag, geschweige denn am nächsten Tag, auf die Eingebungen des Morgens nicht mehr zu besinnen vermag. Daher der Drang, damit sie mir nicht verloren gehen, meine Gedanken auf dem Laufenden (in real time) niederzuschreiben. Aus alter Gewohnheit vertraue ich was immer mein Gemüt zuweilen bewegt unverzüglich der Tastatur des Rechners an. Meinem Erleben gemäß ist die authentische Form schriftlicher Mitteilung nicht der formelle Aufsatz, auch nicht die Erzählung, nicht einmal das Gedicht, sondern der Brief. Dabei ist es nicht notwendig sobald er geschrieben ist den Brief umgehend abzusenden. Dass es bleibt, dass es sich nicht wie das gesprochene Wort verflüchtigt, ist zugleich Vorteil und Nachteil des Geschriebenen. Ich schlage vor, von nun an meine Notizen Ihnen nicht mehr unumgänglich zukommen zu lassen, sondern diese für ein paar Tage zu speichern, bis ich endlich den gesammelten Stoff an einem vorbestimmten Tag der Woche, sagen wir jeden Sonnabend, absende. Demgemäß werde ich auch diesen Brief erst am 4.12. abschicken. Mit Stoner bin ich noch immer beschäftigt. Ich erinnere diesen Roman als ein Beispiel realistischer Beschreibung welche wegen ihrer gedanklichen Anspruchslosigkeit ein Spalier darstellt, ein Spalier das den verschiedensten Lesern zur Verfügung steht es ihrem eigenen Erleben gemäß mit Vorstellungen, mit Erläuterungen zu ergänzen, sozusagen eine geistige Vorlage die einem jeden die Gelegenheit bietet seine eigenen Gedanken, seine eigenen Gefühle und somit seine eigene Persönlichkeit zu entdecken. Im Vergleich betrachte ich es als ein Mangel meiner eigenen Bemühungen, übermäßig erpicht zu sein meine Gedanken und Einsichten aufs Genaueste darzulegen, eine Aufdringlichkeit welche womöglich den Leser abstößt, ihn ärgert oder ihn langweilt. Ihr Hinweis of Aby Warburg ist mir besonders ergiebig. Erstens, weil er die beschränkte Besonderheit meiner Exegese der Ehernen Schlange hervorhebt nämlich als eine rein hermeneutische Beobachtung welche jeglicher anthropo- logischen und historischen Begründung entbehrt, die als lediglich erklärend, als reine Hermeneutik eines Bibelverses, keine ethnologische, anthropologische oder anderweitig wissenschaftliche Bestätigung beansprucht. Im ursprünglichen Bibeltext, 4. Mose 21:9, sehe ich den geplagten Menschen der sich zu retten versucht indem er sich ein Bildnis seiner Plage macht, - die ursprüngliche Plage war die Schlange, - und deren Bildnis anschaut, will sagen, verinnerlicht, sich einverleibt, und somit gegen das Schlangengift gefeit wird. Ist nicht genau dies was wir bei einer Aufführung von King Lear oder von Hamlet erleben? Bewirkt nicht überall, in der Dichtung, in der Musik, in der Malerei, in der Skulptur - man besinne sich auf die Laokoon Gruppe oder auf Auguste Rodins Bürger von Calais, das Kunstwerk jene Läuterung der Seele welche Aristoteles der Tragödie zuschreibt? Ich betrachte das Schlangendrama im 4. Buch Mose als die Entdeckung oder Erfindung der Kunst, und, nebenbei bemerkt, auch als die Entdeckung der Immunität, umso bemerkenswerter als die Anweisung sich ein ehernes Kunstgebilde zu machen, eine Widerrufung des Bilderverbotes einschließt. Beide, der Künstler der das Kunstwerk schafft sowohl als auch der Leser oder der Schauende der es betrachtet, werden vom Kunstwerk vor der Verheerung mit der das Leben sie bedroht geschützt und gerettet. So etwa schrieb Rilke: - O alter Fluch der Dichter, die sich beklagen, wo sie sagen sollten, die immer urteiln über ihr Gefühl statt es zu bilden; die noch immer meinen, was traurig ist in ihnen oder froh, das wüßten sie und dürftens im Gedicht bedauern oder rühmen. Wie die Kranken gebrauchen sie die Sprache voller Wehleid, um zu beschreiben, wo es ihnen wehtut, statt hart sich in die Worte zu verwandeln, wie sich der Steinmetz einer Kathedrale verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut. Dies war die Rettung. Hättest du nur ein Mal gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht und nicht zurückkommt, wie es drinnen Bild wird und nichts als Bild, nicht anders als ein Ahnherr, der dir im Rahmen, wenn du manchmal aufsiehst, zu gleichen scheint und wieder nicht zu gleichen -: du hattest ausgeharrt. Doch dies ist kleinlich, zu denken, was nicht war. Auch ist ein Schein von Vorwurf im Vergleich, der dich nicht trifft. Das, was geschieht, hat einen solchen Vorsprung vor unserm Meinen, daß wirs niemals einholn und nie erfahren, wie es wirklich aussah. Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth Zweitens deutet Ihr Hinweis auf Aby Warburg zu dem Streit im anfänglichen zwanzigsten Jahrhundert zwischen den Geisteswissen-schaftlern und den Naturwissenschaftlern, ein Streit in dem viele Geisteswissenschaftler die Niederlage eingestanden und sich wie spanische Juden als Naturwissenschaftler umtaufen ließen. Dieser Streit weist auf den Herd des Erkenntnisproblems nicht nur unserer Zeit, sondern insoweit uns ihre Urkunden zugänglich sind, auf den Herd des Erkenntnisproblems aller Zeiten. Es war dieser Erkenntnisstreit zu dem Vietor Stellung nahm, als er sich zu Heinrich Wölfflins Exegese der Kunst bekannte und seine Karriere auf die Ablehnung der naturwissenschaft- lichen Behandlung literarischer Texte gründete. Vietor war ein entschlossener Gegner der Ethnologen und Anthropologen, seines Harvard Kollegen Earnest Hooton einbeschlossen. "Hooton was an advanced primatologist for his time. If the great Latin playwright Terence said "Homo sum: humani nil a me alienum puto" ("I am a man; nothing about men is alien to me"), Hooton, following and correcting him, used to say: "Primas sum: primatum nihil a me alienum puto" ("I am a primate; nothing about primates is alien to me"). [Wikipedeia] In privaten Gesprächen ergänzte Vietor dieses Bekenntnis indem er seinen namhaften Kollegen Hooton als "the missing link" bezeichnete. Aby Warburg wäre nicht auf Vietors Seite gewesen. "Ende 1895 bis 1896 reiste er (Warburg) in die Vereinigten Staaten, zuerst nach New York zur Hochzeit seines Bruders Paul mit Nina Loeb, Salomon Loebs Tochter. Es zog ihn nach Westen, wobei er zunächst Kontakt mit der Smithsonian Institution aufnahm. Frank H. Cushing, der Feldforschungen bei den Zuni in Neu-Mexiko hinter sich hatte, beeindruckte ihn tief. Warburg ging auch in den Südwesten der USA, zu verschiedenen Pueblos in Neu Mexiko, besuchte Acoma, Laguna, San Ildefonso, wo er einen Antilopentanz photographierte und Cochiti, zuletzt Zuni. Cleo Jurino aus Cochiti zeichnete Warburg seine Kosmologie auf. Diese Zeichnung befindet sich in London, im Warburg Institute. Warburg konnte sich dann einige Zeit bei den Hopi-Indianern in Arizona aufhalten und deren Kultur studieren. Zuerst in Keams Canyon, wo er sein Zeichenexperiment mit Hopischulkindern durchführte und dann bei dem Mennoniten-Missionar Heinrich R. Voth, der ihm viel über die Hopi-Religion beibrachte und die Teilnahme an Ritualen ermöglichte. Voth war ein talentierter Anthropologe, wenn seine Methoden heute auch brutal erscheinen. Warburg begründete später seine Feldstudien unter anderem mit einem „aufrichtigen Ekel“ vor der „ästhetisierenden Kunstgeschichte“. „Die formale Betrachtung des Bildes – unbegriffen als biologisch notwendiges Produkt zwischen Religion und Kunstausübung – ... schien mir ein steriles Wortgeschäft hervorzurufen....“[3]. Warburg machte sich Notizen über die sonderbar analytische Vogelornamentik der Hopi-Töpferin Nampayo und über die metaphysische Bedeutung der Katchinas, er sah einen Heims Katchina- Tanz der Hopi und konnte sogar die Maskentänzer auf ihrem Ruheplatz beobachten und so archaisches Maskenwesen anschaulich studieren. Voth fotografierte einen Schnapschuss von Warburg mit aufgesetzter Maske.[4] Nach seiner Rückkehr hielt Warburg Lichtbildervorträge in Hamburg und Berlin. Seine Sammlung von Pueblo-Gegenständen und Hopi-Kinderzeichnungen vermachte er später dem Hamburger Völkerkundemuseum. Warburgs Auswertung von Kinderzeichnungen ist ein frühes Beispiel der Anwendung dieser Methode in der Ethnologie. Seine Notizen über das Schlangenritual blieben für die nächsten zwanzig Jahre unbearbeitet." (de.Wikipedia) »Unter den vielfältigen kultischen Praktiken der Pueblo-Indianer im Südwesten der Vereinigten Staaten war es besonders ein Schlangentanzritual, das Warburgs Gedanken noch Jahrzehnte später lebhaft einholte. Dieses Ritual mit eingefangenen Giftschlangen - ähnliches ist heute noch in bestimmten Regionen Indiens verbreitet - war im Grunde ein Vereinigungs- und Versöhnungsritual mit der numinosen Natur, gilt die Schlange doch in vielen Kulturen, anders als im jüdisch-christlichen Sündenfall-Mythos, als ein ausgesprochen mächtiges Symbol des Lebens und der Wiedergeburt, auch des Rätsels des Werdens in allem Vergehen. Die Schlange häutet sich und lebt als neues altes Wesen doch fort, sie zeigt, wie der Leib seine Haut verlassen und - gleichsam aus der leiblichen Hülle schlüpfend - wieder von neuem weiter dauert. Seit jeher steht die Schlange als Erdhöhlenbewohnerin im Mythos auch mit dem Seelenreich der Toten in unmittelbarer Verbindung. Den Stab des griechischen Heilgottes Asklepios umwindet, wie Warburg hervorhebt, eine Schlange, und im Asklepios-Heiligtum in Kos wurden, ganz ähnlich wie bei den Puebloindianern oder den indischen Schlangenfängern die Tiere kultisch gefüttert und verehrt.« (H. Jünger, Frankfurter Rundschau) Die vorstehenden Zitate umfassen alles was ich von Abi Warburg und dem von ihm gefeierten Schlangentanzritual weiß, eine Wenigkeit welche mir jegliches Urteil über Warburg und das Ergebnis seiner Studien verbietet. Umso zuversichtlicher vermag ich zu behaupten, wie wenig ich von den Menschen weiß, sogar von jenen mit denen ich täglich umgehe, deren Sprache ich beherrsche, und die ich seit Jahren "kenne". Aby Warburgs Leistung ist weit jenseits meiner Fähigkeiten! Es ist mir unvorstellbar in ein fremdes Land zu reisen und mir ein Begreifen anzumaßen von dem geistig-seelischen Erleben "primitiver" Menschen mit denen ich mich nur durch anderweitig unbekannte Dolmetscher "verständigen" könnte. Ein solches Vorhaben würde mich zu nichts führen als zu einem Phantasiegebilde das mein eigenstes Erleben in eine fremde Umwelt projiziert. Hingegen ist das "Schlangenerlebnis" wovon ich berichte mein eigenes. Die heilende, rettende Wirkung des Kunstwerks entspricht meinem unmittelbarsten Erleben, sie ist eine Rettung die sich mir täglich aufs Neue bestätigt. Sie berichten Warburgs Urteil über Telephon und Telegramm, zu einer Zeit als Radio, Fernsehen, elektronische Rechner und Internet noch zukünftig waren: "Telegramm und Telephon zerstören den Kosmos. Das mythische und das symbolische Denken schaffen im Kampf um die vergeistigte Anknüpfung zwischen Mensch und Umwelt den Raum als Andachtsraum oder Denkraum, den die elektrische Augenblicks- verknüpfung mordet." Meinem Erleben entspricht diese Aussage nicht. Denn keiner ist verpflichtet seinen "Andachtsraum oder Denkraum" der modernen Technik zu opfern. Die unmittelbare Mitteilung, z.b. zwischen Ihnen und mir, wenn wir zusammen am Kaffeetisch sitzen und uns unterhalten, ist eine Augenblicksverknüpfung welche weder durch Telegramm noch durch Telephon überboten wird. Auch der Gedankenaustausch mittels e-mail ist weniger unmittelbar als das uralte Gespräch. Die moderne Technik bewirkt lediglich, dass die Entfernung zwischen Belmont und Heidelberg die Mitteilungen zwischen uns kaum beeinträchtigt, wobei es uns frei steht deren Dringlichkeit abzuschwächen nach Bedarf, indem wir den Zeitabstand der Briefe umstellen wie es uns beliebt. Im Übrigen steht es mir frei den Radioapparat und das Fernsehgerät abgeschaltet zu lassen, ebenso wie ich das Zeitungslesen vermeide, und frei steht mir auch mich des Internets zu bedienen nur wie es mir passt. Da habe ich nichts zu beklagen. Vietor hatte mir seinen Buchhändler in Darmstadt, Ludwig Säng, empfohlen, und von Herrn Säng bestellte ich in den verzweifelten Jahren meines Medizinstudiums und in den Wüstenjahren als Landarzt in Virginia, nicht nur die große Stuttgarter Ausgabe von Hölderlin, die vom fördernden SS-Mitglied Emanuel Hirsch besorgte Gesamtausgabe Kierkegaards, Husserls und Hegels und Schellings Sämtliche Werke, Bücher von Simmel, Weber und Rickert, Hermann Diels Fragmente der Vorsokratiker, Georg Mischs Geschichte der Autobiographie, und nicht zuletzt, die Gesammelten Werke Wilhelm Diltheys. All diese Bände stehen seit fünfzig Jahren ungenügend wo nicht gar ungelesen in meinen Bücherregalen und verspotten die Lächerlichkeit meiner intellektuellen Prätensionen. Über Diltheys Gegenüberstellung von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften habe ich viel nachgedacht und bin zu einigen wenigen Beschlüssen gekommen die sich für mich vorläufig jedenfalls bewährt haben, Beschlüsse die mir Ihr Hinweis auf Aby Warburgs Schlangentanzritual ins Gedächtnis zurückruft. Indem ich schreibe befällt mich der skurrile Einfall, dass "Schlangentanz" der passendste Ausdruck sein möchte womit Warburgs Betrachtung des Bildes als "biologisch notwendiges Produkt zwischen Religion und Kunstausübung" und seinem „aufrichtigen Ekel“ vor der „ästhetisierenden Kunstgeschichte“ gerecht zu werden. Zugegeben, es ist üblich auf monumentale Vorstellungen von Gesamtgebilden die wir "Wissenschaften" heißen anzuspielen. Das sind Gedankenschlösser im legendären Wolkenkuckucksheim keines von welchen je von einem Einzelnen unter uns bewohnt wurde, geschweige denn dass irgend ein Einzelner ein einziges Wissenschaftsschloss je zu entwerfen vermocht hätte, um von dem tatsächlichen Bau eines Wissenschaftsschlosses ganz abzusehen. Wohl bemerkt, man mag die Tatsächlichkeit, und auch sogar die Möglichkeit der vorgestellten Wissenschaft infrage stellen ohne die beträchtlichen Errungenschaften des menschlichen Geistes anzugreifen. Im Gegenteil: es ließe sich behaupten, dass die Infragestellung der sogenannten Wissenschaften zu den beträchtlichsten Errungenschaften des menschlichen Geistes gehört. In der von Platon aufgezeichneten Verteidigungsrede des Sokrates heißt es: "Zum Schluß nun ging ich auch zu den Handarbeitern. Denn von mir selbst wußte ich, dass ich gar nichts weiß, [22d] um es geradeheraus zu sagen; von diesen aber wußte ich doch, dass ich sie vielerlei Schönes wissend finden würde. Und darin betrog ich mich nun auch nicht; sondern sie wußten wirklich, was ich nicht wußte, und waren insofern weiser. Aber, ihr Athener, denselben Fehler wie die Dichter, dünkte mich, hatten auch diese trefflichen Meister: Weil er seine Kunst gründlich erlernt hatte, wollte jeder auch in den andern wichtigsten Dingen sehr weise sein; und diese ihre Torheit verdeckte jene ihre Weisheit. So dass ich mich selbst auch befragte im Namen des Orakels, [e] welches ich wohl lieber möchte: so sein, wie ich war, gar nichts verstehend von ihrer Weisheit, aber auch nicht behaftet mit ihrem Unverstande, - oder aber in beiden Stücken so sein wie sie. Da antwortete ich denn mir selbst und dem Orakel, es wäre mir besser, so zu sein, wie ich bin. (Schleirmachersche Übertragung) Aus der Vorstellung von der Wissenschaft werde ich niemals Aufschluss über ein spezifisches Wissen bekommen. Um Wissen zu erfahren, muss ich den einzelnen Wissenschaftler befragen, oder, genauer, weil im Grunde Frage und Antwort niemals wirkliches Wissen zu vermitteln vermögen, muss ich um Wissen zu erfahren selbst bereit sein auf allen einschlägigen Gebieten Wissenschaftler zu werden. Sobald ich dies tue, sobald ich im eigentlichsten Sinne "Selbstwissenschaftler", Do-it-yourself Wissenschaftler, werde, erfahre und erlebe ich die Unterscheidung zwischen Natur und Geisteswissenschaften als hinfällig. Denn als Wissender ist mir geistloses Wissen unvorstellbar, undenkbar. Jeder Wissenschaftler ist Geisteswissenschaftler, muss Geisteswissenschaftler sein, mit lediglich dem Unterschied dass der vermeintlich ausschließlich Naturwissenschaftler sich der Geistigkeit seines Wissens unbewusst ist. Gleichfalls scheint es mir leicht beweisbar, dass jeder "Geisteswissenschaftler", sogar der Vertreter einer "aufrichtigen Ekel erregenden" "ästhetisierenden Kunstgeschichte" Naturwissenschaftler ist, eine Gegebenheit welche sofort aus dem gerechten Verständnis des Ausdrucks Natur ersichtlich wird. Natur ist das noch nicht Ausgesprochene, das noch nicht erlebte. Zum Beispiel meine geringe hermeneutische Ahnung von der Bedeutung der ehernen Schlangen, ist dieweil es unausgesprochen, auch Natur, nicht anders als der vom Sternkundigen entdeckte Planet, eh er durch Benennung und Berechnung Bestandteil der wissenschaftlichen Vorstellungswelt wird. Bemerkenswert finde ich wie John Keats das Zwillingswesen der "geisteswissenschaftlichen" Entdeckung - on first looking looking into Chapman's Homer mit der "naturwissenschaftlichen" Entdeckung eines neuen Planeten oder eines unbekannten Meeres mit einander vergleicht. MUCH have I travell’d in the realms of gold, And many goodly states and kingdoms seen; Round many western islands have I been Which bards in fealty to Apollo hold. Oft of one wide expanse had I been told 5 That deep-brow’d Homer ruled as his demesne; Yet did I never breathe its pure serene Till I heard Chapman speak out loud and bold: Then felt I like some watcher of the skies When a new planet swims into his ken; 10 Or like stout Cortez when with eagle eyes He star’d at the Pacific—and all his men Look’d at each other with a wild surmise— Silent, upon a peak in Darien. Natur ist das Erlebte - oder Erlebbare - jenseits der Sprache, jenseits der mathematischen und logischen Symbolik. Das ausgerechnete oder ausgesprochene Erleben hört auf Natur zu sein. Weil Wissenschaft ausgerechnet und ausgesprochen sein muss, vermag es im eigentlichen Sinne keine Wissenschaft der Natur zu geben. Der menschliche Geist löst die Natur in Wissen auf. Der Ausdruck Naturwissenschaft besagt die fortschreitende Auflösung von Natur, die Verwandlung von Natur in gesellschaftliches Wissen und ist demgemäß ein inbegriffener Widerspruch. Encheiresin naturae nennts die Chemie, spottet ihrer selbst und weiß nicht wie. Das Wesen des Wissens in allen Bereichen der Wissenschaft ist das gleiche: die durch sprachliche und mathematische Symbolik bewirkte Mitteilbarkeit des Erlebten. Wenn zwischen Geistes- und Naturwissenschaft kein Unterschied besteht, dann müssen die beiden Wissenschaften als ein und dasselbe verstanden werden, ein Gesellschaftsphänomen dessen Wesen die logisch-mathematische Mitteilbarkeit des Erlebens ist. Diese Mitteilbarkeit bewirkt eine ungeheure Steigerung von Erkenntnis und Wirksamkeit der menschlichen Zusammenarbeit mittels welcher wir unsere Welt verwandeln. Zugleich verschleiern die gesellschaftlich gesteigerte Erkenntnis und Wirksamkeit die Besinnung des Einzelnen auf sich selber, auf sein eigenes Können und auf sein Bewusstsein. Um sich von der Tyrannei des gemeinschaftlichen Wissens zu befreien, benötigt jeder Einzelne von uns die Kunst. Was ich Ihnen vorgetragen habe, ist ein Gedankenexperiment das der Entschuldigung bedarf. Mit Propero bitte ich Sie: And my ending is despair, Unless I be relieved by prayer, Which pierces so that it assaults Mercy itself and frees all faults. As you from crimes would pardon'd be, Let your indulgence set me free. Ich wünsche sehr, dass meine Briefe Sie weder belästigen noch belasten, und dass die Briefe die Sie mir schreiben Ihnen Freude machen. Wie stets, Grüße an Sie und Ihre Frau von uns beiden. Bis nächsten Sonnabend, Jochen Meyer