Lieber Herr Nielsen, Es mögen 67 Jahre vergangen sein, seit ich bei Gelegenheit eines Spaziergangs durch Cambridge vor einem Schaufenster eines Bücherladens auf der damaligen Boylston Street - später in John F. Kennedy Street umbenannt - Pause machte. Es war ein Geschäft das sich auf philosophische Texte beschränkte, und dies Mal bestand die Auslage ausschließlich in verschiedenen Ausgaben Platons und Aristoteles. Neben mich stellte sich eine kleine hutzlige einfach gekleidete Frau welche die ausgelegten Bücher mit anscheinend gefesseltem Interesse betrachtete und schweigsam überlegte. Zuletzt richtete sie sich auf, wandte sich mir zu und erklärte als hätte sie eine entscheidene Entdeckung gemacht, mit fester entschlossener Stimme: "Aristotle, he's for the Catholics. Plato, he's for the Protestants." Sie schien zufrieden zu dieser Einsicht gelangt zu sein, wandte sich von mir ab, und ging fort ohne ein weiteres Wort. In den verschiedenen Jahrzehnten die seitdem vergangen sind, hab ich oft das Echo ihrer Stimme gehört, habe mich oft an diese Szene erinnert. Obgleich meine eigene Beurteilung dieser beiden Schriftsteller sich in verschiedene Richtungen und Gebiete verzweigt und vertieft hat, scheint mir die Vereinfachung des Urteils mittels dessen sich die einfache Frau des anderweitig unbegreiflichen Gedankenguts bemächtigte, als prototypisch für die Weise in welche auch ich fremdes Theoretisieren das mir letztlich unerreichbar ist, mit dem eigenen Denken, mit dem eigenen Verständnis, vereinbare, und manchmal, so scheint mir, auf vergleichbar übermäßig vereinfachende Weise abstempele. Treffende Beispiele scheinen mir gegenwärtige Überlegungen wegen Martin Heideggers politischer Affiliation mit dem Nationalsozialismus und sein gesellschaftliches Urteil über das jüdische Volk. Es ist keineswegs vorauszusetzen dass solche oberflächlichen Urteile die Gültigkeit der ontologischen und epistemologischen Untersuchungen Heideggers irgendwie bestätigen oder beeinträchtigen möchten; es sei denn dass die mögliche Oberflächlichkeit von Heideggers politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen auf eine entsprechende Schalheit und Unzuverlässigkeit in seinem philosophischen Denken schließen lassen sollte. Und dies scheint mir entschieden nicht der Fall zu sein. Denn beide, Heideggers Befürwortung der Nazis so wie auch sein möglicherweise abschätziges Urteil über "die Juden" erscheinen mir als Maßnahmen der Bequemlichkeit und der Anpassung eines von der Politik abgeneigten Menschen. Der nachträgliche Versuch, Heideggers Denken mittels eines politisch korrekten moralischen Maßstabs zu richten, besagt viel weniger über Heidegger als über das intellektuelle Niveau seiner verspäteten Richter. Heute morgen, als ich beim Morgengrauen erwachte, war mein Denken weiterhin von der Zusammenstellung der Korrespondenz zwischen uns eingenommen. Ich meinte in dieser Sammlung eine besondere Gültigkeit zu erkennen - um das Wort Wahrheit zu vermeiden - die sich aus der Spontaneität und aus der Unmittelbarkeit unseres Austausches ergibt, eine Gü ltigkeit welche vermutlich für den unbeteiligten Leser eines veröffentlichten Buches von verlockendem Interesse wäre. Dennoch, so scheint es mir, würde diese aus Spontaneität erblühende Gültigkeit in dialektischer Weise durch Veröffentlichung betrogen und gelöscht, und was verbliebe wäre vergleichbar mit triefenden Aschen in einem noch vor kurzem glühenden Herde. Also lieber nicht. Oder doch? Diese gefährliche Gedankenflucht kam zu Ende als ich heute Mittag unseren eingeschneiten Postkasten entleerte. Der enthielt einen eingeschriebenen Brief vom Klempneramt, die Entscheidung über das Verhör vom 6. August, und wie zu erwarten war, abschlägig. Das Urteil der Klempnerbehörde verlangt die von mir so liebevolle, und behauptet kunstgerechte Anlage, müsse völlig ausgerissen, müsse zerstört werden. Die Behörde hatte sich also dennoch schließlich zur Veröffentlichung eines Urteils aufgerafft­von dem der Vorsiztende schon beim Verhör beteuert hatte dass es ablehnend sein würde. Somit beginnt in meinem geistigen Leben ein neues Kapitel, das ich, weit entfernt es zu beklagen, geneigt bin willkommen zu heißen. Zum mindesten eröffnet die Verurteilung meiner Anlage die Möglichkeit, wenn's die Gesundheit meiner Frau erlaubt, den Sommer in Konnarock zu verbringen. Berufungen würden voraussichtlich zwei weitere Jahre in Anspruch nehmen, würden, wenn ich sie aushielte, belebend und kräftigend sein, "invigorating, vivificantem" sind die Worte für welche mir mein Deutsch versagt. Auch unsere Korrespondenz sollte von der erneuten rechtlichen Betätigung in keiner Weise beeinträchtigt werden. Herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau von uns beiden. Jochen Meyer