Lieber Herr Nielsen, Heute Morgen bin ich früher aufgestanden als gewöhnlich, habe meinen Sohn Klemens zu seiner Arbeit in die Stadt gefahren, bin unversehrt durch den dichten Verkehr nach Hause gekommen, und sitzte nun am Rechner vorm großen Fenster, blicke in das sonnenbeschienene Grün ausschlagender Ulmen und überblättere noch einmal die ersten 137 Seiten des Buches Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja, das mir vor einem halben Jahr geschenkt wurde. Falls Sie dies Buch kennen, möchten meine Bemerkungen darüber für Sie von Interesse sein. Anderweitig weiß ich nicht ob ich Ihnen raten sollte den Brief oder das Buch zu lesen. Vielleicht Esther hatte ich während der vier kalten und langen Monate dieses vergangenen Winters vor mir auf meinem Schreibtisch, neben der Rechnertastatur, liegen lassen, um mich unablässig an meinen Entschluss zu mahnen eines Tages den Versuch zu machen sie zu verstehen. Unter keinen Umständen wollte ich sie vergessen. Dringende andere Pflichten die mich in Anspruch nahmen sind Schuld, dass es so lange gedauert hat eh ich mich ihr zuwandte, und auch heute Morgen scheue ich mich zu behaupten, dass ich sie verstünde. Im ersten Kapitel meines Romans Döhring vertritt der Doktorand Jonathan Mengs die These, das hermeneutische Vorbild jeglicher Literatur sei die Bibel; dass jedes Buch so gläubig gelesen werden muss wie die Heilige Schrift, und dass demensprechend der Sinn eines Buches großenteils von der Leidenschaft, vom Verständnis und in tiefsten Sinn, vom Glauben des Lesers abhängt. Ich bezweifle, dass ich was Vielleicht Esther anbelangt, dieser schwierigen Aufgabe gewachsen bin, fühle mich aber zu dem Versuch verpflichtet. Am Anfang des Verstehensvorgangs ist die Einsicht dass es sich mit Katja Petrowskaja um un nom de plume, also um ein Pseudonym handelt, und dass es mir gebührt in den unvermeidlichen eingebildeten Unterhaltungen und etwaigen Auseinandersetzungen mit der Verfasserin, sie nicht als Fräulein Petrowskaja, sondern als Frau Münchmeyer anzusprechen. Die Ähnlichkeit unser beider Namen möchte nebenbei dazu dienen eine Vertraulichkeit zu stiften welche möglicherweise den Gedankenaustausch erleichtert. Ich hab meinen Brief unterbrochen um mich von Wikipedia im Internet über zeitgenössische Berliner Bahnhofsanlagen belehren zu lassen, denn der Potsdamer Bahnhof wo ich vor achtzig Jahren mit Berlin verkehrte, fiel dem Krieg zum Opfer; der Lehrter Bahnhof, wenn ich recht verstehe, der Bahnhof von welchem man nach Osten fährt, ist neuzeitlich vom Hauptbahnhof ersetzt, und ich muss mir vorstellen, dass es am gläsernen Gewölbe des Hauptbahnhofs war, wo Frau Münchmeyer den harmlosen Familiennamen Bombardier entdeckte und sich von diesem verwirren ließ. Dessen ungeachtet aber kam der Zug, Frau Münchmeyer und ihr neuer Bekannter Sam stiegen ein, und eh sie sich's gedacht, waren sie unterwegs, hatten die Oder überquert und fuhren gen Osten, wer weiß wohin. Im Geiste sitze ich neben Frau Münchmeyer wie im dritten Kapitel mein Romanheld Döhring neben seiner künftigen Dorothea und versuche vorbei an Katjas Profil, auffällig mit dem betonten Unterkiefer, die jetzt polnischen Namen der einst deutschen Haltestellen an welchen der Expresszug vorbei eilt zu entziffern, aber es gelingt mir nicht, denn der Zug fährt zu schnell und ich bin in den ost-europäischen Spachen unbewandert, im Polnischen ebenso wie im Russischen. Auch werde ich beständig durch mein Gedächtnis abgelenkt, denn ich erinnere die Millionen von Menschen die hier von den Deutschen ermordet wurden, und die anderen Millionen Deutsche die von hier zwar am Leben gelassen dennoch vertrieben wurden. Frau Münchmeyer schien meine Gedanken zu lesen. "Deshalb fahren wir ja dort hin," sagte sie ohne Einleitung oder Übergang. Ich war zu höflich um ihr zu wider-sprechen, obgleich ich meinte, dass ihre Bemerkung der Aufklärung bedürfte. Vermochte jedoch nicht meinen Gedanken Einhalt zu gebieten, und so fuhr ich fort wenn auch stillschweigend ihr meine Überlegungen mitzuteilen, indem mein Blick abwechselnd sich an die vorbei streifende Landschaft zu heften versuchte, um sich dann in dumpfer Verzweiflung, an Katjas Profil zu erholen. "Diese Eisenbahnfahrt," sagte ich ungehemmt, weil ganz im Stillen, zu Frau Münchmeyer, "ist eine angemessene Einführung in ihr Buch." "Wieso?" fragte sie, glechfalls im Dunkel des Schweigens. "Weil wir am Schicksalhaften so schnell vorbei fahren, dass es unmöglich ist, es mitzuerleben. Nicht einmal die Anschriften der Haltestellen an denen unser Geist vorüber eilt vermag ich zu entziffern." "Das ließe sich vielleicht auch dadurch erklären, dass Sie des Polnischen unkundig sind. Ehrlich gesagt, ich bin es auch. Aber den Lesern, den meisten jedenfalls ist das egal. Im Gegenteil das Heraufbeschwören des Schicksals würde sie beunruhigen. Mein Buch verlöre seinen Ruf, und keiner würde es kaufen wollen. Vergessen Sie nicht dass ich Berichter-statterin bin. Es ist meine Pflicht die Leserinnen und Leser zu informieren ohne sie zu beunruhigen. Dass in Nepal mehr als viertausend Menschen infolge eines Erdbebens starben, dass vierhundert Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken, dessen möchten meine Kunden mittels der Zeitung, der Rundfunknachrichten oder mittels des Internet zum Frühstück von mir belehrt werden, ohne dass ich ihre Gefühle übermäßig belaste und Verdauungsstörungen auslöse. Nachforschung der Vergangenheit, auf Französisch sagt man À la recherche du temps perdu, bezweckt den Lesern die anderweitig unerträgliche Gegenwart erträglich zu machen. Diesem Zweck opfere ich die belanglose und unwiederbringliche Geschichte meiner Familie. Damit sollten auch Sie zufrieden sein. Da erwachte ich. Vielleicht lese ich morgen den zweiten Teil von Vielleicht Esther, und wenn ich dabei auf andere Gedanken komme, schreibe ich sie Ihnen. Inzwischen sein Sie beide von uns beiden herzlich gegrüßt. Ich wünche Ihnen einen glücklichen, strahlenden Sommer. Jochen Meyer