Lieber Herr Nielsen, Vielen Dank für Ihren Brief mit all seiner Anerkennung und all seinem Verständnis. Erlauben Sie mir zu erwähnen dass Ihnen unsere diesjähringe Korrespondenz in der Kartei http://home.earthlink.net/~ej4meyer/All_2_Nielsen.pdf zugänglich ist, und darauf hinzuweisen dass ich gelegentlich meine dort abgelegten Sendungen orthographischen, stilistischen und inhaltlichen Verbesserungen unterziehe. Schließlich ist es gehörig meine Briefe an Sie als das anzuerkennen was sie tatsächlich sind: Eintragungen in ein privat veröffentlichtes Tagebuch mit im Voraus verbürgter Leserschaft, wenngleich diese Leserschaft nur aus einem Einzigen besteht, nämlich Ihnen selber, lieber Herr Nielsen. Sie befinden sich in einer ehrwürdigen mir keineswegs gebührenden Tradition, als jener einzelne Leser, hiin enkelte. Die hermeneutischen Folgen sind unverkennbar, denn der Ansturm dessen was ich mit mir selbst zu besprechen begehre, zerbröckelt die letzten Schranken der Zurückhaltung. Die Themen über welche ich mich heute Nachmittag mit mir selber auseinanderzusetzen möchte, sind der Wahnsinn und der Tod. Geistige Gesundheit ist eine Gesellschaftserscheinung. Die Idiotie ist die endgültige, die äußerste Vereinsamung, und der Wahnsinn ist das Ausscheiden des Einzelnen aus der Gesellschaft. Vermag man das Werk eines deutschen Dichters zu beschreiben ohne selbst der deutschen Sprache mächtig zu sein? Ich denke nicht. Vermag man die Aufführung einer Klaviersonate zu erklären ohne selbst Klavier zu spielen? Ich denke nicht. Warum sollte man dann als Arzt vermögen dem Irrsinnigen beizustehen, ohne selbst mit dem Zwang und mit dem Ausfallen des Denkens daran der Irrsinnige leidet vertraut zu sein? Ist es möglich den Irrsinn zu verstehen ohne selbst irrsinnig zu sein? oder jedenfalls an seinem Verständnis irrsinnig zu werden um sich hernach mit dem Irrsinnigen zu identifizieren insofern als man gelernt hat zu denken und zu fühlen wie er oder sie? Der Tod ist der Ausdruck und das Ende des objektiven Lebens. Den Tod des Anderen vermag der Mensch nicht zu erleben weil der Gestorbene nicht er selbst, sondern ein anderer ist. Den eignen Tod vermag der Mensch nicht zu erleben weil mit diesem Tod die Voraussetzung des Erlebens, das eigene Leben, erlischt. Der Mensch sieht den Leichnam des Anderen und ist angewidert. Seinen eigenen Leichnam vermag der Mensch sich zwar gedanklich vorzustellen, zu erleben aber vermag er seinen Leichnam nicht. So wenig wie er den eignen Tod zu "erleben" vermag. Ein subjektiver Tod ist eine Unmöglichkeit. Es kann ihn nicht geben. Einen subjektiven Tod gibt es nicht. Subjektiv zu sterben ist unmöglich. Daher das ewige Leben. Das Einschlafen, das Einschlummern einbeschließt nur die Ahnung der Möglichkeit des Todes, denn man weiß nie wann, oder gar ob, man je wieder erwacht. Das Kind hat eine natürliche Furcht vor dem Einschlafen. Der gesunde Erwachsene nicht. Ich vergleiche das Schlaflied, das Wiegenlied der Hirten aus dem Weihnachtsoratorium, ein Lied des Lebens: Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh, wache nach diesem vor aller Gedeihen! Labe die Brust, empfinde die Lust, Wo wir unser Herz erfreuen. Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh, wache nach diesem vor aller Gedeihen! mit dem Sterbenslied aus der Kantate "Ich habe genug," Nr. 81 Schlummert ein, ihr matten Augen, Fallet sanft und selig zu! Welt, ich bleibe nicht mehr hier, Hab ich doch kein Teil an dir, Das der Seele könnte taugen. Hier muß ich das Elend bauen, Aber dort, dort werd ich schauen Süßen Friede, stille Ruh. Wahnsinn und Tod sind die endgültigen Stationen des gesellschaftlichen beziehungsweise des körperlichen Lebens. Der Wahnsinn löst die Gesellschaft der Menschen auf insofern als es ihnen hinfort unmöglich ist einander zu verstehen. Der Wahnsinn ist das Verwelken, das (Ab)sterben der Gesellschaft. Der Tod ist das Verwelken des Körpers dem es im Leben nie gelang seiner Blüte und Frucht, dem Geist, gerecht zu werden. Es gibt, wie wir erfahren haben, nicht nur einen Wahnsinn des Einzelnen sondern einen bei weitem mehr furchtbaren Wahnsinn der Gesellschaft. Es gibt, wie wir erfahren mögen, nicht nur den Tod des Einzelnen sondern einen bei weitem mehr furchtbaren Tod der Gesellschaft. Wie sich herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau mit diesen traurigen Vorstellungen reimen möchten, weiß ich nicht. Jochen Meyer