Lieber Herr Nielsen, Das Weitere welches mir gestern Abend beim Aufsetzen meines Schreibens entfiel, war, glaube ich, der unheimliche Briefwechsel zwischen meiner Frau und mir in den Jahren 1949 bis 1951 als wir uns zusammen und gegenseitig das Lieben und das Leben beibrachten. Schon vor Jahren hatte ich diese Korrespondenz dem elektronischen Rechner anvertraut, so dass es nunmehr lediglich eines bescheidenen Mauseklicks bedarf diese mir so schicksalhaften Urkunden vor Augen zu führen. Selbstverständlich ist es mir heute unmöglich diese Briefschaften anders als mit dem kritischen Blick des quasi berufsmäßigen Lektors zu beurteilen, und meine eigenen stümperhaften Bemühungen kurzweg als Ofenfutter einzustufen, aber auch betreffs der Unbeholfenheiten meiner damals künftigen und heute verstorbenen Frau sollte meinem Urteil kein nil nisi bonum dicere im Wege stehen. But a deprecatory judgment of the halting epistolary efforts of us two lovers to discover, to comprehend and ultimately to embrace each other, would miss the point and obscure the fact that reality transcends and reigns beyond literary eloquence and elegance. Aber ein abschätziges Urteil über die ungeschickten Bemühungen der beiden Liebenden einander zu entdecken, zu begreifen und schließlich einander zu umarmen wäre belanglos. Das Sein, das wirkliche Leben, herrscht jenseits jeglicher Geschmeidigkeit und Eleganz der Sprache. Dass es der Worte bedarf um auf die Wirklichkeit zu weisen, um die Wirklichkeit überhaupt erst erkennbar zu machen, ändert nichts an den Tatsachen, dass unsere Existenzen, die meiner Frau und meiner selbst, jenseits der Worte die wir damals miteinander tauschten bestanden, und in gewisser Weise heute noch bestehen. Diese Einsicht sollte jegliche literarischen Ansprüche beherrschen und muss als Ausdruck eines Grundgesetzes der Hermeneutik gelten. Somit bin ich an einen Punkt gelangt wo es möglich und vielleicht auch notwendig ist aufs Neue in die Romanwelt des Maximilian Katenus, Elly Solmsen, Jonathan Mengs, Joachim Magus und Charlotte Graupe zu fliehen von wo aus ich Ihnen, lieber Herr Nielsen in gehöriger Weise Bericht zu erstatten beabsichtige; inzwischen aber Ihnen und Ihrer Frau meine herzlichen Grüße sende. Jochen Meyer