Lebenswende I Beim Überlesen unserer vielen Briefe kam ich an einen Schicksalspunkt der Wende, ein klarer Blick in unsres Daseins Tiefe wo's Leben sich entschied bis an sein Ende. Es war im Jahre neunzehnhundertfünfzig, im Januar, ich auf dem Weg zurück am Markusplatze Drei besucht ich Dich. Ein Brief von Dir erzählt von unserm Glück. Es sollt nicht währen. In der Bergblickstraß befiel mich Kummer größer denn als je. Das Glück der jüngsten Tage ich vergaß und klagte Dir mein übergroßes Weh. Zu groß für nur ein einziges Sonett. Morgen ist Zeit genug, geh jetzt zu Bett. =============================== Einsicht Ich suche neu die Sorgen zu erfahren die zwischen uns vor sechsundsechzig Jahren den sturmgeplagten Geistesraum durchflogen, bin sicher nur dass wir uns nicht belogen, Erst heut entdeck ich die damalge Klage. Nur langsam klar geworden ist sie mir. Nicht Bergblickstraßenanomie war Plage. Es war die Abgeschiedenheit von Dir. Die Bergblickstraß' bedroht mich nur angeblich War Vorwand für die großen Trennungssorgen Ich sehnte mich so sehr nach dir vergeblich Du sahst ich war daran mich selbst zu morden. Ich stand verzweifelt auf Schaffottes Stufen Du hast ins Leben mich zurückgerufen. ============================= Es stimmt ich habe dich nicht belogen, Tatsache ist, ich hab mich selbst betrogen Es handelt sich um fremde Anomie wie ich ihn in der Bergblickstraß erlebte heute erscheints als eigne Unbestimmtheit die mich bezweifeln ließ wer ich denn war. Damals ein junger Mensch, kaum zwanzig Jahr, bedurft ich der Bekräft'gung meines Wesens verlangte dass die Umwelt mich bestätigte statt anzugreifen und zu schmähen Ich schrieb damals an meine Eltern: Das Spielen mit den Geschlechtsorganen, die Abendtischbeschreibungen der Trächtigkeit der Hündin, die die abgegessenen Teller auf dem Fußboden abzulecken bekommt .. Das alles ekelte mich an. Wenn ich einen Menschen fände der sagte, du hast recht, statt zu sagen du bist übermüdet, du bist überempfindlich, du bist überarbeitet, du bist überspannt, du bist überkritisch, du bist unterernährt, du bist krank, - wenn ich den Menschen fände, könnte ich meine Ironie aufgeben. Im Augenblick aber stehe ich ganz allein, und mir gegenüber eine Welt von Menschen die praktisch sind, die sich mit dem Leben kompromittiert haben. Und diese Ungleichheit, das ist Ironie. Gute Nacht. wesensverwandt, bestätigend, geeignet, passend, sympathisch An dich schrieb ich anders. Ach wir sind komplizierte wesen meinen es wäre möglich uns selbst einander zu verstehen. Mag sein, die Übung ist erbaulich Himmelsbraut Ich schrieb dir die Notwendigkeit für mich in eine Klause mich zurückzuziehn. Du sagst aus Angst, "Wenn er zu schwer für dich Ich könnte meinen Weg alleine gehn." "Das ist Dein gutes Recht," schrieb ich zur Antwort. "Geh Deinen Weg allein, Gott sei mit Dir. Ich lieb Dich mehr denn je, doch bleib ich fort, es sei denn dass du sagst: 'Komm her zu mir'." Du schriebst "Ich brauche dich," Du schriebst noch mehr: "Komm bitte, komm zurück. Ich brauch dich sehr, Will werden die du willst, stets an dich denken, veräußre mich dir den Erlös zu schenken." Mein liebes gutes Kind ich schäme mich. Nur Jesus Christus ist gut genug für Dich. Will tun was du befiehlst und Will werden die du willst, kann nichts als an Dich Denken meine Lauterkeit veräußern und den erlös Dir schenken. mit dem Erlös erkaufend was du immer willst. Der Kreidekreis Mein Ideal Ich weiß indem ich all dies schreibe dass man sich über seine Wahrheit streite möchte dass man sich streiten möchte ob es wahr; denn jede Kenntnis hat zwei Seiten