Lieber Herr Nielsen, In den verstrichenen sechs Tagen, seit meinem letzten Brief, hab ich, soviel ich mich besinne, keine weiteren Gedichte zusammengebastelt. War abgelenkt, zuletzt durch die beiden Einkommenssteuererklärungen die ich jedes Jahr einzureichen verpflichtet bin. Soeben kehre ich vom Postkasten zurück in welchen ich diese unliebsamen Bemühungen verabschiedet habe. Beim wiederholten Anhörungen der CDs mit dem von mir vorgelesenen Briefwechsel mit meiner künftigen Frau, beeindruckt mich zunehmend die Vieldeutigkeit der Sprache; nicht nur dass Worte bei verschiedenen Menschen verschiedenes Erleben auslösen, sondern auch bei dem der sie hört oder liest, verschiedene Erleben bei verschiedenen Gelegenheiten. Ich erinnere Sigmund Freuds "Entdeckung" des "Unterbewusstseins", und die atemberaubende Unzulänglichkeit seiner Deutung dieser universellen Beschaffenheit menschlichen Denkens. Es ist stets nur die Oberfläche unseres Denkens die sich in unseren Aussagen spiegelt und in ihnen vorübergehend zum Ausdruck kommt. Die Tiefen unsres Erlebens sind unermesslich, und sind uns nur in der Dichtung, will sagen, im Studium, im fortschreitenden Verstehen der Literatur erreichbar. So ergibt sich die Hermeneutik der heiligen Schrift. So weit war ich in diesem Brief vor vier Tagen gekommen als mein Denken scheinbar auf Leerlauf schlüpfte und die Einfälle ausblieben. Nun aber kam Ihr Brief, Gelegenheit zu einem neuen Anfang. Herzlichen Dank, besonders für Ihr Verständnis. Mein gegenwärtiges Interesse an den Verinnerlichngsverfahren der Besinnung bezieht sich nicht nur auf die Bestimmung der Identität und Integrität des Ichs, sondern auch, und dies jetzt ins Besondere, die Einbeziehung der verschiedensten Bestandteile der "gedeuteten Welt" ins subjektive Erleben. Das, so scheint es mir, ist die einzigartige Aufgabe der gegenwärtigen Erkenntnistheorie. Ich bin, vielleicht dummer Weise, ein wenig zufrieden mit der Entdeckung dass die evangelische Gleichzeitigkeit Kierkegaards tatsächlich als hermeutisches Muster für a l l e s Wissen, will sagen, Erleben von Vergangenem nicht nur dienen kann, sondern dienen muss. Ich spiele mit Begriffsgebilden die eine vergleichbare Subjektivierung des Raum- und besonders des Ortserlebnisses bewirken möchten. Bis jetzt noch unfertig. Wie ich erwähnt haben mag, - ich weiß nicht ob ich mich wiederhole -, beherrscht mich zur Zeit die Vorstellung, dass das Gedicht die bündigste Form sprachlicher Mitteilung ist, dass letzten Endes nicht nur Geistes- und Naturwissenschaft, sondern auch die sogeannte Philosophie, und besonders diese, als Gedicht gedeutet werden kann, und vielleicht auch als Gedicht gedeutet werden muss!! Als Gedichte, und vielleicht nur als Gedichte wären die Kritik der reinen Vernunft, Sein und Zeit, Welt als Wille und Vorstellung, die Phänomenologien Husserls und manches sonst noch, mit einander zu vereinbaren und auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Unter diesem Gesichtspunkt hatte ich den Versuch erwogen verschiedene erkenntnistheoretische, ethische und ästhetische Betrachtungen in Form von Oden, Elegien oder Hymnen auszuarbeiten, bin aber zu dem jedenfalls vorläufigen Beschluss gekommen, dass der Weg dahin durch die Prosa führt, dass ich versuchen sollte meine Gedanken in einfachen ungeschminkten Sätzen niederzuschreiben, um sie dann durch wiederholtes Überarbeiten in zwingende Poesie zu entwickeln. Ein anspruchsvolles, protziges Vorhaben, das zu verwirklichen ich kaum Kraft, Zeit und Geist genug haben werde. Herzliche Grüße an Sie und Ihre Frau. Jochen Meyer