Subject: Schon wieder sooo lange! Date: Mon, 17 May 2021 19:34:19 +0200 From: Bernd Strangfeld To: Ernstmeyer Lieber Jochen, die lieblichen Maientage eilen davon, gewandet in Regen (ein Glück!) und Kühle (nur im Sprichwort angenehm), ich will seit langem an verschiedenen Stellen jäten, vor allem auf unseren BUND-Blühstückchen, aber die tropfende Nässe hält mich davon ab. Auf der terrasse tummeln sich ständig ein paar Vögel, vor allem die 3 jungen Rotkehlchen, die unsere Herzen entzücken, weil wir das noch nie erlebt haben, und weil Jungvögel unbedingt tierisches Eiweiß benötigen, haben wir ihnen käufliches Gemenge von toten Insekten, hauptsächlich Mehlwürmer-Larven und Grillen und Grashüpfer, hingestreut (mit gemischten Gefühlen), das sie nach anfänglicher Skepsis (Wat de Bur nich kennt, dat frät he nich) mit wachsender Überzeugung fressen. Wir sind hier in Kierspe gegenüber unseren sonstigen Wachs-und Blühmöglichkeiten heuer 3 Wochen zurück, vom Vergleich mit dem Rheintal ganz zu schweigen. Aber es kommt nun allmählichund der immer wieder kurz prasselnde Regen erfreut und beruhigt. Mein Vetter Bernd, nahe Toulouse ansässig, ist denselben Wetterbedingungen ausgesetzt, für ihn ist das absolut skadalös, da gänzlich untypisch, seinem Rheuma abträglich, nur der Regen nötigt ihm Wohlwollen ab, obwohl es nicht zu viel sein darf, denn dann steigt der Fluss Aveyron, an dessen unmittelbarem Ufer sein Haus steht - er hat eine ehemalige Wassermühle steht. - Wir hatten den kältesten April seit 40 Jahren. Das Wetter ist in einem bisher unbekannten Maße gesprächsthema, da es uns ja auch alle unmittelbat betrifft. Danke für Deinen langen Brief vom 1.Mai! Was für ein schönes Datum!Du bist dabei nochmals auf Schillers "Resignation" zurückgekommen, dessen erste beiden Zeilen mir immer am besten gefallen haben, und hast daraus Hoffnung geschöpft, was sehr erfreulich ist! Ja, allerdings, grimms Märchen von dem jungen Mann, der das Gruseln nicht leernen konnte, aber doch die Vorstellung hatte, es müsse sich um etwas Gewaltiges und Beängstigendes handeln, fand ich auch nie überzeugend, dafür den ganzen Mann langweilig, da gefühlsarm, aber wohl sehr unerschrocken. Das ist sicher für einen König ganz nützlich. Man kann aus der geschichte auch ersehen, wie intakt die Natur noch war, wenn man so einfach einen Eimer voller kleiner Fische aus einer Stelle eines Baches schöpfen konnte. Vielleicht hat ihn ja auf Dauer das Zusammensein mit seiner Frau etwas sensibler gemacht. Dass Du Dich intensiver mit Braunschweig beschäftigst, kann ich mir gut vorstellen. Ich bin meinerseits viel mit Liebenburg beschäftigt, habe zum 80.Geburtstag einige grundschul-Klassenkameraden kontaktiert und auf diese Weise mit meinem ehemaligen jungen Klavierleherer (6 Jahre älter als ich) und dessen Kusine Hildegard, die auch meine direkte Kusine ist, telefonisch gesprochen. Freude auf beiden Seiten. In jedem Fall tauchte das Gespräch gleich in frühe Liebenburger Erinnerungen ein. Das geht ja nicht mehr mit vielen. Und immer zeigte sich große Liebe, unerschütterlich, zu diesem Ort und seiner Umgebung. Als ich in meiner Studienzeit Büchner las, war ich enorm beeindruckt und fand ihn hervorragend fabelhaft. Danach habe ich mit ihm wohl nichts mehr zu tun gehabt, ich habe mich dann mehr mit dem Mittelalter, mit Sturm und Drang, Gottfried Keller, den großen Romanen des 19.Jh.s beschäftigt. Aber sehr viel vergessen! Mir war immer völlig unbegreiflich, wie sich Reich-Ranitzki an so unendlich viel erinnerte, an Details aus welchem Werk auch immer. Jetzt lese ich gerade , erstmals nach langer zeit wieder, Elias Canetti, "Die gerettete Zunge", den ersten Band seiner Erinnerungen. Kennst Du ihn? Ich empfehle ihn sehr. Dazwischen immer mal wieder Märchen und andere Geschichten von H.Chr.Andersen und finde die enorme Melancholie überall sehr bewegend und wirklichkeitsnah. Manchmal wird man allerdings auch hoffnungsfroh entlassen, wie im Hässlichen jungen Entlein. Ich sehe, dass Du an dem Leben in Weimar regen Anteil nimmst. Ich bin durch einige Biografien über Goethe und eben Schiller auch wieder berührt, staune, vergesse aber auch vieles gleich wieder, wie ich gestehen muss. Ich habe mich noch etwas anderem zugewendet, was schon lange mein Plan war, nämlich alte Post, Karten und Briefe von 1949 an bis , vieles sehr ungeordnet und natürlich sehr lückenhaft, bis etwa 1965.Das wirbelt mir heftig im Kopf herum und bringt mir viele Situationen, Perioden meines Lebens und das meiner Familie sehr lebhaft vor Augen. Ich sehe, wir waren doch eine Familie, die sehr aneinander hing, sich Gedanken um einander machte, Humor und Witz und sprachliche Freude mitteilte. Zu manchen NAmen fehlen mir sämtliche Bilder, dann wieder wundere ich mich über die enge liebevolle Beziehung zu manchen Freundinnen...ach, und überhaupt. Es braust ziemlich durch meine Gefühle, ich halte jetzt erst einmal Abstand. Zum Thema Wahnsinn kann ich mich nicht sinnvoll äußern, lese aber Deine Überlegungen mit Interesse. Daneben erfahre ich mit Staunen, dass Du ARD und anderes zur Kenntnis nehmen kannst, Pandemie-Zahlen und Entwicklungen, Waldsterben und anderes mehr. Zum Thema tote Bäume: jetzt breitet sich Holzmangel in unserem Lande aus, während die Hauptmasse nach China geht. Bist Du nun zweimal geimpft? Wir haben auch die 2 Sicherheitswochen danach überstanden und könnten vielleicht theoretisch Reisen im eigenen Lande machen, wonach uns manchmal stark zumute ist. Liebe Grüße! Deine Gertraud und Bernd.