Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Gestern kam er an. Vorlagen zu einer möglichen Antwort hatte ich schon, als sie mir durchs Gemüt zogen, vor acht Tagen begonnen, um dann die Vorbereitungen gären zu lassen. Zunehmend beobachte ich, wie mein Schreiben, wenn es nicht überhaupt die Verleugnung meiner Unzulänglichkeiten voraussetzt, durch das Dämpfen, durch das Zurückhalten meiner Kritik an ihm gesteigert, vielleicht sogar verbessert wird. Die Selbstkritik ist einerseits störend und verbauend, andererseits aber unentbehrlich, um Unsinnigkeiten, Dummheiten, Grobheiten, Geschmacklosigkeiten, eventuell sogar Boshaftigkeiten vorzubeugen oder zu berichtigen. Hingegen ist Selbstkritik aber auch eine Art Selbstbetrug, denn es ist einschläging zu fragen, ob es überhaupt möglich ist, sich selbst zu kritisieren. Ist nicht kritisieren eine Erscheinung des Denkens, und ist nicht alles Denken das Selbstbehaupten des Denkenden? Möglicherweise ist Kritik ein Widerspruch bei dem es unvermeidlich ist, dass er sich auflöst. Jedenfalls scheint mir das Schreiben sehr oft, wenn nicht immer, ein Ausschreiten ins Extreme, und dann Rückschlag von einem Extremen ins entgegengesetzte Extrem, ein Hinundherschaukeln von Gedanken und Gefühlen von einem äußersten Überschwang zum entgegengesetzten Überschwang. Daher die Abwesenheit von Ruhe; doch möchte ich behaupten, dass die Unruhe, und vielleicht nur sie, Kennzeichen des Lebens, des Lebendigseins ist. In ähnlichem Sinne, meine Kritik an meinem Schreiben oder Nichtschreiben an Euch. Einerseits hege ich einen ausdrücklichen Wunsch Euch mit meinen Briefen nicht zur Last zu fallen. Darum habe ich oft meine Schreiben auf ein Antworten eurer Post beschränkt. Dann aber mutet mich ein leidiges Quid pro Quo als kleinlich, als geizig an. Vielleicht ist es eine Lösung einzusehen: Die Briefe sind nur das Lametta, nicht das Marzipan am Weihnachtsbaum des Lebens. In der botanischen Wildnis hinter meinem Hause, einen Garten will ich sie nicht nennen, trabt mit erhabener Würde ein Truthahn, unbekümmert über den Streit zwischen zwei Pflanzenordnungen, rechts gegen Süden nächst dem Haus das ich vor mehr als vierzig Jahren als Altersheim für meine Eltern kaufte, das sie dann verschmähten, und vor etwa 35 Jahren meinem Sohn zu seiner Hochzeit schenkte, erstreckt sich eine dunkel grüne Fläche gemeinen Efeus, Hedera helix, die am inneren Rande von zahlreichen Blütendolden der Maiglöckchen, Convallaria majalis, durchdrungen wird, die sich aus unterirdischen Ranken zwischen den dunklen Blättern des Efeus ans Licht drängen. Ich glaube die Maiglöckchen haben den Streit gewonnen, denn sie beherrschen mit ihren giftigen, hell grünen Blättern und ihren zierlichen weißen Blüten, nun schon etwa drei Viertel der sichtbaren Flächen. Wäre ich nicht so taub, würde ich ihr Läuten, und nicht so anosmisch, ihren Duft wahrzunehmen vermögen. Zu Margarets Lebzeiten hätte sie mir heute ein kleine Vase Maiglöckchen auf den Schreibtisch gestellt. Aber das war lange her. Jetzt vermag ich nicht einmal, um ein Paar Blumen zu pflücken, mich zu bücken, so verkrüppelt bin ich geworden! Von Kindheit her, erinnere ich die Maiglöckchen in den Wäldern der Buchhorst und des Elms, die ich bei unseren Familienspaziergängen als die Blumen des Frühlings, des Lebens, zu lieben lernte. Das Efeu aber, hedera helix, erinnere ich von meinen Ausflügen zu den Kirchenfriedhöfen als ich acht Jahre alt war, wo sich die pathetischen Trauersprüche, wie etwa, "Es ist gewiss in Gottes Rat, dass man vom Liebsten das man hat, muss scheiden," in mein Gemüt prägten, erinnere die gepflegten Beete Efeu besonders bei den Besuchen meiner Mutter mit meiner Schwester und mir zum Braunschweiger Hauptfriedhof, zum Grab ihrer Großmutter, und unserer Urgroßmutter, Katharine Rößner. Es ist mir entgangen, ob wir bei diesen Gelegenheiten auch das Grab meines Urgroßvaters, August Rößners, besucht hätten. Der war ein Freidenker gewesen, ein unabhäniger Geist, dem Pastor Eisenberg das letzte Geleit gegeben hatte, indem er ihn in der Bestattungspredigt als einen abtrünnigen reuelosen Sünder beschimpfte. Die Photographien des Hauptfriedhofs die ich heute vom Internet abrufe, bestätigen mein Gedächtnis der sauber und sorgfältig beschnittenen Efeupflanzungen auf den Gräbern der angeblich nur Schlafenden. Beide, gemeiner Efeu Hedera helix, und Maiglöckchen Convallaria majalis, sind sehr giftig. In der botanischen Wildnis meines Hintergartens, so scheint es mir manchmal, bekämpfen sie sich als Zeichen von Tod und Leben. Im Gedächtnis erweckt ihr Streit die Melodie und Worte einer Dichtung von Luther: "Es war ein wunderlicher Krieg, Da Tod und Leben rungen, Das Leben behielt den Sieg, Es hat den Tod verschlungen. Die Schrift hat verkündigt das, Wie ein Tod den andern fraß, Ein Spott aus dem Tod ist worden. Halleluja!" Bei dieser Gelegenheit suchte ich im Internet nach anderen Grabsteinen auf dem Zentralfriedhof von Verstorbenen deren Namen ich erinnern möchte, und fand nur einen, Richard Dedekind, den einstigen Mathematikprofessor an der Technischen Hochschule, schräg gegenüber von Schleintzstraße Nr. 1, wo ich vier Jahre meiner Kindheit, von 1934 bis 1938, verlebt hatte. Dedekind war berühmt geworden durch sein Buch, "Was sind und was sollen die Zahlen," das ich bei dieser Gelegenheit vom Göttinger Digitalisierungszentrum abrief und zu lesen begann. Dedekind schreibt: "Was beweisbar ist, soll in der Wissenschaft nicht ohne Beweis geglaubt werden... Meine Hauptantwort auf die in dem Titel dieser Schrift gestellte Frage lautet: Die Zahlen sind freie Schöpfungen des menschlichen Geistes. Sie dienen als ein Mittel um die Verschiedenheiten der Dinge leichter und schärfer aufzufassen." "Im folgenden verstehe ich unter einem Ding jeden Gegenstand unseres Denkens. Um bequem von den Dingen sprechen zu können, bezeichnet man sie durch Zeichen.... Ein Ding ist vollständig bestimmt, durch alles das was von ihm ausgesagt oder gedacht werden kann." Darauf hin würde ich fragen: Sind die Worte die wir als Zahlen erkennen, wirklich so verschieden von anderen Worten? Sind nicht die Bedeutungen der Worte, Zahlen einbegriffen, in dem Gebrauch mit gesellschaftlicher (und etwa von Duden genehmigter) Übereinstimmung festgelegt? Hat die Nummer 10 nicht verschiedene Werte auf Basis zwei als auf Basis zehn? Wenn Dedekind schreibt "Ein Ding ist vollständig bestimmt, durch alles das was von ihm ausgesagt oder gedacht werden kann." besagt er nicht, dass "ein Ding" niemals "vollständig bestimmt" zu sein vermag, dass es tatsächlich unzählige unvorausbare Eigenschaften anzunehmen vermag? Hat "das Ding" nicht in jedem besonderen Falle den Sinn der das Gemüt des jeweils sprechenden, denkenden oder dichtenden bewegt? Sein Buch, "Was sind und was sollen die Zahlen?" widmete Dedekind "in herzlicher Liebe" seiner Schwester Julie und seinem Bruder Adolf, Dr, jur., Oberlandesgerichtsrat zu Braunschweig. Dedekind war unverheiratet geblieben, und war Julie und Adolf so anhänglich, dass er, um in seiner Geschwister Nähe zu bleiben, den Ruf nach Halle ablehnte und sich mit dem minder ruhmreichen Lehramt in Braunschweig zufrieden gab; das kann ich nachempfinden. Dass Dedekind aber gegen den Ruhm nicht gleichgültig war, zeigt die Beharrlichkeit mit welcher er in seinen Ausführungen die Prioriät seiner Gedanken zu behaupten und bestätigen suchte. Aber, liebe Gertraud, bitte entschuldige, denn Du hattest mir ja Schriften nicht von Richard Dedekind sondern von Elias Canetti aufgegeben. Ich habe versucht "Die gerettete Zunge" im Internet zu lesen, aber vergebens, und fand nichts als "The Tongue Set Free" mit dem Hinweis "This book is written in English". Tatsächlich aber entdeckte ich, sobald ich anfing es zu lesen, dass es von Joachim Neugroschel aus dem Deutschen übersetzt worden war. Inzwischen hab ich etwa die ersten 40 Seiten gelesen, und stelle an Euch die Schwellenfrage, Würdet ihr mir raten mich auf einen Dolmetscher zu verlassen, der "Die gerettete Zunge" mit "The Tongue Set Free" übersetzt? Vorläufig enthalte ich mich der Entscheidung. In einem zweiten Buch von Elias Canetti "Der andere Prozess" las ich ungefähr 50 Seiten, ungenügend um auch nur das wenigste darüber schreiben zu können. Heute Abend fühle ich mich den Ansprüchen weiteren Schreibens an Euch unangemessen. Ich wünsche Euch alles Gute, und schreibe Euch, Gute Nacht. Euer Jochen