Liebe Gertraud, lieber Bernd, Gestern nacht, um 2 Uhr, warf ich die Flinte ins Korn, oder, wie die vom Sport besoffenen Amerikaner sagen würden, I threw in the towel. Ich war zu müde um weiterzuschreiben. Aber das Gemüt, jedenfalls meines, ist kein Apparat der sich ausschalten oder abschließen lässt, (es sei denn mit einer Brühe aus Maiglöckchen und Efeu Blättern,) und obgleich ich nicht träumte ein Riese Namens Elias Canetti hätte mir die Zunge aus dem Hals geschnitten, um alsdann in einen Zauberer verwandelt, um mich zu trösten, sie mir umgehend wieder einzukleben, (Ich habe in der vergangenen Nacht überhaupt nicht geträumt.) dennoch schwirrten mir heute Morgen ums zerknitterte Kissen die Gedanken so zudringlich als hätte ich in der Nacht ein Wespennest angestochen. Also zur Sache. Selbstverständlich erkenne ich in Dedekinds Beschreibung des Geistes als einen großartigen Stabilbaukasten, womit sich aus einzelnen, unverwechselbaren Teilen erstaunliche Maschinen zusammenstellen lassen, eine äußerst ergebnisreiche Gedankenvorlage, der ich die bewunderungswürdige moderne Technik zu verdanken habe mit all ihren "naturwissenschaftlichen" Wundern, mit Rechnern, Raketen, Wasserstoffbomben, ja - und auch Pfizer-BioNTech Vakzinen, die uns am Ende erretten, befreien, oder vielleicht sogar zerstören. Da frag ich Euch, war Faust im Recht oder im Unrecht als er zu Wagner sagte: "Geheimnisvoll am lichten Tag, Lässt sich Natur des Schleiers nicht berauben, und was sie dir nicht offenbaren mag das zwingst du ihr nicht ab, mit Hebeln und mit Schrauben." Oder vielleicht doch, mit präzis genug gerichtetem Laserstrahl. Das vermeintlich Schlüssige das ich heute Morgen über Elias Canetti zu schreiben mich brüste, ist dass er mir so viel zu denken gibt, dass er droht mich von dem was ich mir zu bedenken vorgenommen hatte, abzulenken, und dass die mir noch übrige Zeit zu gering ist, mir in Canettis Lebenswelt, wo man droht mir die Zunge aus dem Hals zu schneiden, ein Zuhause einzurichten, in dem es auch mir gelingen möchte schöpferisch zu wirken. Auch Canettis Buch, Der andere Prozess, führt mich zu Fragen, auf die es mir nur nach Jahren gelingen möchte, Antworten zu finden, wenn überhaupt. Handelt es sich dabei um einen historischen Roman, an historical novel, wo der Verfasser sich beurkundeter "Tatsachen" bedient lediglich als Rahmen für seine eigenen Phantasieen? Ist es ein geisteswissenschaftlicher Beitrag zur Pathologie der Verlobung, oder zur Exegese von Kafka Buch, "Der Prozess", oder zur Psychoanalyse eines Dichters, und wenn welches Dichters, zur Psychoanalyse Kafkas oder Canettis, oder ihrer beiden? Ihr werdet mir zugestehen, dass sich mein Denken derart verlaufen hat, dass mir nichts übrig bleibt, as die Entschuldigung. Euer Jochen