Am 25. Juni 2021 Lieber Jürgen, Deinen Bericht über "Die Bezirksstelle Westfalen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Bielefeld 1939 bis 1943" habe ich mit Ergriffenheit gelesen. Vielen Dank nicht nur dafür, dass Du ihn mir zugesandt hast, sondern mehr noch, dass Du ihn geschrieben hast. Meine Anerkennung für Dein unauslöschliches Verantwortungsbewusstsein, und für die gewissenhaften Sorgfalt in der Du es zum Ausdruck bringst, soll ein weiteres Mal ausgesprochen sein. Und ich, was soll ich, was darf ich dazu sagen? Wenn ich vor Entsetzen schweige, so möchte es scheinen, dass ich gleichgültig bin. Versuchte ich mich dem Ausmaß meiner Empfindungen entsprechend zu erklären, so würden die Worte übertrieben klingen, läppisch, oder beides zugleich. Ich habe jahrelang darüber nachgedacht. Am vernünftigsten scheint es mir in die Gedankenwelt meines Berufs des Arztes zu flüchten, und mich zu der Tragik der dreißiger und vierziger Jahre in Deutschland zu verhalten, wie zu einer Seuche, einer leid- und todbringenden Pest, zu deren Verhütung und Heilung die Menschen außerstande sind. Dabei betrachte ich eine große Errungenschaft der neueren Medizin, dass sie die Krankheit sich nicht mehr als Auswirkung eines Bösen im Menschen, einer Sünde, etwa einer Erbsünde erklärt, sondern als das Hervorbrechen "natürlicher" Gegebenheiten und Vorgänge, welche der Mensch in nur beschränktem Maß zu bewältigen vermag. Zu solch vorstellbarer Bewältigung scheint mir Deine Arbeit die unentbehrliche Vorbereitung. Nochmals herzliche Sommergrüße an Euch beide. Jochen