am 27. Juni 2021 Sehr geehrter Herr Kollege, das unfertige Fragment meiner Übersetzung Ihres Rosenthal Textes, das ich Ihnen als Anhang zusende, ist nach seiner Art, zu meinem 91. Geburtstag, ein Gegengeschenk an Sie für Ihre Bemühungen um uns Rosenthaler, für die ich mich ein weiteres Mal bei Ihnen bedanken möchte. Unfertig ist meine Übersetzung nicht nur weil ich bis jetzt kaum mehr als 39% der Seiten übertragen habe; unfertig ist sie auch weil ich mit dem Übersetzen der Anmerkungen überhaupt kaum erst begonnen habe; vor allem aber ist sie unfertig, weil ich zu den wochenlangen Versuchen sie zu korrigieren und zu verbessern, den ich gewöhnlich meinen anderen schriftlichen Bemühungen angedeihen lasse, noch keine Gelegenheit gehabt habe. Ich bitte um Entschuldigung für das Ausmaß der Zusätze zur Biographie meiner Familie und meiner selbst, das ich mir erlaubt habe. Bitte verkürzen Sie diese unerbetenen Erweiterungen nach Belieben, oder teilen Sie mir mit, welche Teile sie ausgelassen haben möchten, und/oder auf welche Länge sie meinen Bericht verkürzt haben möchten. Erlauben Sie mir zu erwähnen, dass ich manches bewusst ausgelassen habe, wie zum Beispiel Uneinigkeiten innerhalb der Familie, so wie die Erzählung von meinem gerichtlichen Angriff auf das Universitätsaugenkrankenhaus das mich zu Behandlungen an minderbemittelten Patienten zwingen wollte, Behandlungen die ich als ungehörig versuchsmäßig, schädlich, gefährlich und überflüssig betrachtete und die zu begutachten ich mich weigerte. Heute betrachte ich diese meine ungezogene Aufsässigkeit, als Ausdruck einer Post Traumatischen Belastungs Störung, der ich mich lebenslang davor gefürchtet habe ein KZ-Wächter zu werden, ob wegen der Angst gequält zu werden, wenn ich nicht selbst zum Quäler würde, oder wegen der Angst vor einer verdrängten, heimlichen Lust am Quälen, wüsste ich nie zu entscheiden. Tatsächlich habe ich das Siebte Kapitel meines Erstlingsromans Döhring diesem Thema gewidmet. Auch die Erwähnung meiner jahrelangen gerichtlichen Streitigkeiten mit den Nantucketbehörden betreffs meines Baus eines Ferienhauses dort, habe ich ausgelassen. Im Rückblick betrachte ich auch diese verzweifelten Berufungen auf eine eingebildete Gerechtigkeit der Behörden als eine Post Traumatische Belastungs Störung, als den hoffnungslosen Versuch mich durch Gesetzesklaubereien gegen eine Kristallnacht diesseitig des Ozeans zu schützen. Meine der deutschen Geschichte kundigen Freunde stimmten mit mir über ein, dass was die Behörden und die Gerichte mir auf Nantucket angetan haben sich mit Recht als Minikristallnacht bezeichnen lässt. Das Wesentliche meiner Existenz habe ich also verschwiegen, besonders den Inhalt meiner lebenslangen vielseitigen literarischen und gedanklichen Bemühungen habe ich unerwähnt gelassen, denn ich meinte Ihr Buch wäre kaum die gehörige Bühne für Darstellungen von denen es bewiesen ist, dass sie kein öffentliches Interesse erwecken. Bitte teilen Sie mir mit, in wie fern, wenn überhaupt sie meine Übersetzungen verwenden können, und welche Veränderungen Sie etwa wünschten. Es würde mich keineswegs beleidigen oder auch nur betrüben, wenn Sie meine schriftlichen Bemühungen unbrauchbar fänden. Vor allem aber bitte ich, dass Sie, ungeachtet meiner bisherigen Bemühungen, keine Verpflichtungen mir gegenüber empfinden, mit Ihrem Vorhaben einer Englischen Ausgabe von "Zerstreut über alle fünf Kontinente" fortzufahren. Das Viele, das ich beim Übersetzen gelernt habe, über meine Familie und über mich selbst, hat meine Beschäftigung mit Ihrem Text der Mühe wert gemacht. Bitte bedienen Sie sich der Freiheit alles was ich Ihnen gesandt habe, den englischen Text ausdrücklich einbeschlossen, nach Ihrem Gutdünken, mit oder ohne Erwähnung meines Namens, zu berichtigen, umzuschreiben, zu verkürzen oder zu erweitern. Vielleicht wäre es wünschenswert einen eingeborenen Amerikaner, wie etwa Donald Strauss, der mir mit seiner Frau vor einigen Wochen einen sehr liebenswürdigen Besuch erstattet hat, bitten, meine Übersetzung den Bedürfnissen der heutigen amerikanischen Leserschaft anzupassen. Sobald ich Ihre Antwort habe, würde ich so gut das hohe Alter es mir erlaubt, den Versuch machen Ihren Wünschen gemäß, mit der Übersetzung fortzufahren. Aber versprechen möchte ich nichts, dazu bin ich zu alt. Mit herzlichen Sommergrüßen an Sie und Ihr Frau, Ihr Jochen Meyer P.S. Jürgen Hartmann bittet um Information um die Quelle Ihres Berichts vom Selbstmord Antonie Meyers auf dem Transport nach Auschwitz.