Am 27. Juni 2021 Lieber Jürgen, Entschuldige bitte, in so enger Folge auf die beiden vorhergehenden, die Aufdringlichkeit eines dritten Briefes, und fühle Dich bitte zu keinerlei Antwort aufgefordert oder gar verpflichtet. Ich schreibe um Dir für Deinen Aufsatz "Die Bezirksstelle Westfalen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Bielefeld 1939 bis 1943" ein weiteres Mal meine Anerkennung und meinen Dank auszusprechen. Heute Morgen, in dem ich aufs Neue darüber nachdachte, wendete sich mein Denken. Bisher hatte ich mir den modernen Staat als die Verwirklichung eines Platonischen Ideals betrachtet das in seiner Vollkommenheit etwa in der französischen "Déclaration des droits de l'homme et du citoyen” vom 26. August 1789 beschrieben wird, wovon die Nazi Herrschaft den denkbar größten Abfall bedeutet. Heute Nachmittag hingegen, sehe ich den modernen Staat als ein Naturgeschehen das wie ein rühriger Vulkan, die benachbarten Völker mit Feuer zu verbrennen, mit Lava zu überfluten, und mit Asche zu ersticken droht. All das, indem ich die soziologischen und psychologischen Grundlagen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zu verstehen versuche, meine ich zu erkennen wie die einzelnen mit Verstand und Gewissen ausgestatteten Mitglieder der Reichsvereinigung in ein Gesellschaftsgefüge einbezogen wurden dass doch offensichtlich die Forderungen ihres Verstandes und Gewissens durch unüberbrückbaren Widerspruch vereitelt. Wie war das möglich? Und nun frage ich mich - und Dich - : Ist denn die Einbeziehung des Einzelnen in ein Gesellschaftsgefüge das den Forderungen seines Verstands und Gewissens widerstreitet wirklich etwas so Seltenes und Ausgefallenes? Ist nicht die Lösung des Schwellenwiderspruchs, der in den berühmten Worten zum Ausdruck kommt: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen" ehr die Ausnahme als die Regel? Luther hat damals in einen Scheinüberfall zugestimmt, hat sich in der Wartburg verstecken lassen, um mittels seiner genialen Übersetzung des Neuen Testaments den Kern zu erarbeiten, für eine zweite Gesellschaft die sich an und um ihn entwickelte. Aber dergleichen möchte nur sehr selten geschehen. Ich schlage vor, dass die übliche und im Grunde von Natur gegebene Lösung dieses Schwellenwiderspruchs zwischen dem Ich und der Gesellschaft dadurch behoben wird, dass der alleinstehende Einzelne assimiliert wird, dass er der Belastung der Autoidentität (ein Einzelner zu sein) nachgibt, indem sich assimiliert oder sich assimilieren lässt, indem er sich zum Gesellschaftsbestandteil verwandelt, zum Zahn im Räderwerk des Getriebes, zum Soldat in einer Armee, zum Arbeiter in einer Fabrik, zum Beamten in einer Kanzlei, und so auch zum Mitglied in der Reichsvereinigung der Juden. So jedenfalls empfinde ich, wenn ich mich im Wahllokal einstelle um meine Stimme für die Linke, für die Grünen, für die SDP, für die CDU oder für die CSU abzugeben; oder wenn ich als Geschworener dem Schuldspruch der den unschuldig oder schuldig Angeklagten ins Unglück stürzt meine Stimme leihe. In keinem Falle vermag ich die Folgen meiner "Handlung" vorauszubestimmen, es sei lediglich, denn dass ich durch meine Mitwirkung die Gesellschaft die mich bestellt hat, bestätige und bestärke. Somit meine ich eine Versuchserklärung für das Ausmaß der deutschen Nazikatastrophe gefunden zu haben. Eine Erklärung für ihre zerstörerische Boshaftigkeit bleibt ausständig. Ich hoffe an einem späteren Zeitpunkt einen experimentellen Beitrag zur Antwort auch auf diese Frage liefern zu können. Deine Frage um den Tod Antonie Meyers, habe ich an Dr. Busch weitergeleitet. Bis jetzt habe ich noch keine Antwort bekommen. Wie stets, herzliche Grüße an Euch beide. Jochen