_ Ernst J. Meyer _ 174 School Street _ Belmont, Massachusetts 02478 _ 617-548-5768 _ ernstmeyer@earthlink.net _ am 13. Januar 1993 _ Frau Gertraud Strangfeld _ Schmiedestraße 31 _ 5883 Kierspe _ Germany _ Liebe Gertraud Strangfeld, _ Ihr Telephonanruf ist wie ein Wunder über mich _ hereingebrochen, und ich möchte Ihnen dafür recht herzlich _ danken, insoweit uns die Danksagung für das Wunder erlaubt _ ist. Ausgerechnet am Abend zuvor hatte ich ein Büchlein _ aus dem braunschweiger Stadtarchiv, "Erinnerungen aus meinem _ Leben in Braunschweig," von Nellie Friederichs, der Frau die _ uns in der schweren Zeit das amerikanische Visum ermöglicht _ hat, durchgelesen. Diese Lektüre hatte Träumereien von _ der Kindheit ausgelöst, und hatte mich gewissermaßen auf _ ihren Anruf eingestellt. _ In Anbetracht der Millionen von Menschen aller _ politischen Gesinnung welche der Verfolgung und dem Kriege _ zum Opfer wurden, habe ich mich stets geschämt über mein _ eigenes tatsächlich so glückliches Schicksal auch nur die _ geringste Klage zu äußern, und doch darf ich es nicht _ verdecken, dass mein ganzes Leben von Sehnsucht und Heimweh _ nach einer Heimat beschattet war, von welcher ich _ schließlich überzeugt bin, dass sie nirgendswo als in _ meiner Phantasie bestand. Obgleich seit den fünfziger _ Jahren einer Besuchsreise nach Deutschland keine äußeren _ Hindernisse entgegenstanden, hatte ich bis 1984 von einer _ Rückkehr abgesehen, vielleicht aus der stillen Furcht, dass _ eine zweite Trennung über meine Kräfte gehen möchte. _ Ihren Vater habe ich lebhaft in Erinnerung. Ich habe _ es mir längst abgewöhnt über die Menschen zu urteilen, _ weder im Guten noch im Schlechten, aber Ihr Vater war mir _ sehr teuer, und ich bin der Überzeugung, dass seine _ Menschlichkeit mir die zweieinhalb Jahre meiner Schulzeit in _ Braunschweig erträglich gemacht hat. Meine Mutter _ behauptete, Ihr Vater hätte es nur meinetwegen eingerichtet _ drei Jahre hintereinander für die Klasse in der ich mich _ befand als Klassenlehrer zu wirken. Aber meine Mutter hatte _ ein dichterisches Gemüt und ließ sich manchmal von ihrer _ Phantasie verleiten. _ Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, hat Ihr _ Vater alle Fächer die uns vorgeschrieben waren selbst _ gelehrt, bis auf eines, den Religionsunterricht. Diesen zu _ versorgen erschien in unserem Klassenzimmer in der _ Pestalozzischule ein anderer, dem Anschein nach gutmütiger _ und wohlwollender Herr, um einige Jahre älter als Ihr _ Vater, dessen Name mir entgangen ist. Am Ende der ersten _ Klassenstunde welche er mit einführenden Erläuterungen _ verbracht hatte, erkundigte sich der neue Lehrer, ob auch in _ allen hier vertretenen Familien das Buch "Mein Kampf" _ vorhanden sei, denn in der Religionsstunde der folgenden _ Woche würden wir es eingehender besprechen. Als ich mit _ dieser mich sehr beunruhigenden Nachricht nach Hause kam, _ machte sich meine Mutter zu Herrn Hirsekorn auf, denn ihr _ Anliegen war zu heikel, als dass sie es hätte telephonisch _ erörtern können. Herr Hirsekorn, laut dem Bericht meiner _ Mutter, versicherte sie dass er die Sache in die Hand nehmen _ würde. Sie brauche sich nicht zu sorgen, und meine Mutter _ verließ sich auf ihn. Besonders in Anbetracht meines _ Vaters ärztlicher Kenntnisse, wäre es ihr eine Kleinigkeit _ gewesen mich aus vorgetäuschten Gesundheitsgründen vor _ gerade dieser Religionsstunde zu Hause zu behalten. Der _ gefürchtete Tag war gekommen. Noch heute schwebt mir das _ Bild in der Schule lebhaft im Gemüt, ob Gedächtnis oder _ Phantasie, wage ich nicht zu entscheiden. Der _ Religionslehrer erschien im gewohnten Klassenzimmer 1-C, _ wandte sich zur Klasse und fragte, ohne Übergang oder _ Erklärung, "Wer von euch kennt die Geschichte vom guten _ Samariter?" Ich weiß, dass ich es war der sie erzählen _ durfte. _ Ihr Vater hat meiner Mutter nie berichtet, mit welchen _ Einwänden er die so unerwartete Bekehrung des _ Religionslehrers bewerkstelligt hat, doch vermute ich, dass _ es ihm ohne seine langjährige Parteimitgliedschaft _ wahrscheinlich nicht gelungen wäre. Hätte Ihr Vater nicht _ das kleine güldene Abzeichen an dem Aufschlag seine Rockes _ getragen, wäre ihr Vater, zum Beispiel, Sozialdemokrat _ gewesen, hätte der offensichtlich so gefügige _ Religionslehrer, um die eigene Zuverlässigkeit zu beweisen, _ ihn angezeigt, ihr Vater wäre seines Amtes enthoben, und _ ich hätte einen neuen Klassenlehrer bekommen, _ vorausgesetzt, dass meine Familie und ich den _ Religionsunterricht überlebt hätten. Es ist durchaus _ denkbar, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass ich als _ sieben oder achtjähriges Kind, aus Eifer oder aus Angst, _ dem Lehrer und der Klasse die Wahrheit gesagt hätte, wie _ etwa, "Meine Mutter hat gesagt Hitler ist ein Verbrecher," _ und das hätte im damaligen Deutschland genügt uns zu _ verderben. _ Ich will kein Richter sein, und ich bin nicht befugt _ über Ihren Vater ein Urteil zu fällen. Ich darf es aber _ nicht verschweigen, und es soll Ihnen und Ihrer Mutter und _ soll ihm zum Gedächtnis gesagt sein: Mir und meiner Familie _ ist er als Bote eines gnädigen Schicksals erschienen, und _ in meinen Augen hat die Gerechtigkeit und Güte, die er mir _ angedeihen ließ, das Hakenkreuz mit dem dem er sich _ schmückte zugleich in den Stern Davids und in das Kreuz von _ Golgatha verwandelt. Auch in Betreff auf ihres Vaters Leben _ und Sterben, soweit ich davon eine Vorstellung haben kann, _ muss ich das 53. Kapitel des Jesaja zu Rate ziehen: _ "Fürwahr er trug unsere Krankheit, und lud auf sich unsere _ Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und _ von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um _ unserer Missetat willen verwundet, und um unserer Sünde _ willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir _ Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt." _ Somit habe ich das Notwendige niedergeschrieben. Ob _ wir uns hernach noch treffen sollten, möchte ich Ihrem und _ Ihres Mannes Urteil anheimstellen, ohne zu verhehlen dass es _ mir eine große Freude wäre Sie persönlich kennen zu _ lernen. Jetzt im Alter werden Deutschlandreisen mir _ leichter. Meine Frau und ich waren im vergangenen Mai in _ Braunschweig und im Harz, und beabsichtigen drei Wochen im _ kommenden Mai in Deutschland zu verbringen, vorausgesetzt, _ dass unsere Enkelkinder uns entbehren können. Ihre _ freundliche Einladung Sie und Ihren Mann bei dieser _ Gelegenheit zu besuchen würden wir mit Dank annehmen, falls _ Sie in Anbetracht meiner so unbeholfenen und tatsächlich _ auch unerbetenen theologisch-philosophischen Ausführungen _ einen solchen Besuch noch wünschenswert fänden. In jedem _ Falle meine ich es wäre klüger wenn wir uns im voraus auf _ die Dauer des Besuches nicht festlegten. _ Anliegend ist ein Kapitel eines Romans das für Sie von _ Interesse sein möchte, da es sich mit der Frage der _ politischen Schuld, dem Thema das uns auf der Seele lastet, _ befasst. Erlauben Sie mir die Bemerkung, dass die _ ästhetische Extravaganz der expressionistischen _ Ausdrucksform welcher ich mich bediente, mir in einer _ unangeforderten Briefeinlage ungehörig scheint. Jedoch _ haftet dem Geschriebenen seine eigene Beharrlichkeit an, _ welche der Zensur widersteht. Die Ausführungen über den _ Vegetarismus mögen als ein Gedankenexperiment gedeutet _ werden, und keineswegs als Ausdruck persönlicher _ Überzeugung oder Lebensart. In jedem Falle bitte ich für _ meine literarische Aufdringlichkeit um Entschuldigung. _ Vielleicht finden Sie, als Deutschlehrerin, es an der _ Ordnung die pädagogischen Bemühungen welche Ihr Vater mir _ bis 1938 hat zugute kommen lassen, nach diesen _ vierundfünfzig Jahren wieder aufzugreifen, und mein in der _ Fremde und Einsamkeit gezogenes Deutsch zu korrigieren. _ Mit besten Grüßen auch an Ihren Mann und ihre Mutter, _ verbleibe ich, _ Ihr _ Jochen Meyer