Heilig Abend 1984. .PP Es ist Heilig Abend, der 24. Dezember 1984. Es ist still um mich und in mir. Von Mutti und Papa kam heute eine Weihnachtskarte, ein Bild, wie aus Wachstuchstücken zusammen gesetzt, von einer schneebedeckten Landschaft. Sie erinnert mich an die Hügel Colorados noerdlich von Gunnison in Richtung Crested Butte. In der Mitte, ein einsames eingeschneites Bauerngut, vielleicht ein Sinnbild fuer die Abgeschnittenheit in der sie jetzt leben. Dahinter Hügel und Berge, die sich immer höher und in immer dunklerem Blau gegen einen gestirnten Himmel abheben. Im Vordergrund ein schmaler Fahrweg, in der Tat nur Einbahnstrasse, und umdrehen, überholen, oder an einem anderen vorbeifahren, ist unmöglich. Vielleicht geht auch kein Weg zurück. Ein grell roter Schlitten, von einem trabenden Pferde gezogen, mit zwei unkenntlichen Figuren auf dem Bock nähert sich dem Hause. Die Überschrift lautet: "Across the Miles at Christmas", und auf der Innenseite ein kleiner Reim: "Even though at Christmas time We may be far apart, Many warm and special thoughts Will keep you close in heart." und darunter war mit Muttis noch fester Handschrift geschrieben, "and a Blessed New Year to the three of you, Papa and Mutti". .PP Als Klemens diesen Weihnachtsgruß sah, sagte er, "How have the mighty fallen." .PP Letztes Jahr noch hätten mich die Stillosigkeit und Geschmacklosigkeit geärgert und beschämt. Heute aber lese ich diese Karte mit Rührung, wie ein Geschenk von einem kleinen Kinde. Ich weiß es ja, wie innig und stark diese Gefühle empfunden werden, und weil ich die Leidenschaft die sie ausdrücken sollen kenne, deshalb empfinde ich die Hilflosigkeit, die Unbeholfenheit die dieser gedruckte Gruß bezeugt. Und wie ich sie erkenne, so tut sie mir leid, und ich wünschte, dass ich irgendetwas für meine Eltern tun könnte. Etwas tun kann ich natürlich. Ich kann sie regelmässig besuchen, kann sie beraten, kann ihnen in praktischen Angelegenheiten behilflich sein, aber das wesentlichste, das notwendigste das sie bedürfen, ihre Jugend, ihre Gesundheit ihnen zu schenken liegt nicht in meinen Kräften. Ich kann sie ihnen nicht wiederbringen. .PP Es geht auf halb elf am Heiligen Abend. Die vielen begangenen Weichnachtsfeste sind mir im Sinn. Wie sie mir oft so schwer vielen, die sie mit ihren phantastischen Träumereien die Wirklichkeit nicht verdecken konnten. Das Jahr 1938 feierten wir Weihnachten in Berlin mit den Großeltern. Das war das Fest wo ich von meiner Mutter einen Füllfederhalter geschenkt bekam, den sie in der Schachtel eines echten Mont Blanc eingepackt, mir unter den Weihnachtsbaum legte. Ich halte es für wahrscheinlich, dass dies das erste Mal war, dass ich ein solches Schreibinstrument besaß. Ich freute mich riesig. Und dann fiel es mir auf, dass dem Federhalter den ich bekommen hatte, der weiße Stern fehlte, welcher, so bekundete es die Reklame, die echte Marke kennzeichnete. Ich stellte meine Mutter zur Rede. Sie bekannte die Verwechslung. Man bewunderte meine Intelligenz, fand sie aber auch, meinte ich zu fühlen, etwas lästig. Nicht dass mir an der Echtheit des Halters gelegen hätte. Die Täuschung betrübte mich sehr, weil ich damals mit kindischem Idealismus die Rechtschaffenheit meiner kleinen Welt überaus schätzte. Und zu bedenken, dass es meine Mutter war, die Schuld an dieser Täuschung hatte, wo gerade sie stets to eindringlich die Wahrhaftigkeit von uns forderte. Zum ersten Mal, wurde ich gewahr, dass mir die Welt zu klein war. Ich wollte, ich musste fort, aber wohin hätte ich damals nicht sagen können, und vermag es auch heute noch nicht. .PP Das schönste aller Weihnachten, ich glaube weil es das wahrhaftigste war, das einfachste und am wenigsten von Geschenken geblendete begab sich im folgenden Jahr, 1939. Es war das erste Weihnachtsfest in Amerika und nur neun Monate nach unserer Ankunft. Wir wohnten damals ein dem zweiten von vier kleinen Häusern die zur Zeit der Sägewerke auf einen niedrigen Hügelrücken oberhalb der Volksschule und der Dorfmitte Konnarock, wenn man sie so nennen darf, gebaut war. Unser Wohnsitz war das Pfarrhaus der Gemeinde, war aber zur Zeit unbewohnt, weil der damalige Pfarrer, ein älterer Herr, der sich des Namens John W. Ott rühmte, als Junggeselle im Knabeninternat, genannt The Iron Mountain Lutheran School for Boys, pensionierte. Nur zwei Monate waren vergangen seit uns der freundliche aber etwas duselige Missionsvorsteher Frederick W. Kirsch vom Bahnhof in Marion in seinem kleinen Ford Personenauto begrüßt hatte, und uns die 50 Kilometer über holprige, kurvenreiche, stellenweis steile und auch sehr schmale Straßen in diese abgeholzte verarmte Hinterwelt verschleppt hatte. Unser Haushaltsgut aus Deutschland wurde einige Tage später geliefert. Ein großer gelber Lastwagen des Unternehmens "Mayflower" hielt hinter dem kleinen weißen Hause, und die Überbleibsel unserer einst so stattlichen Möbel und meines Vaters Praxiseinrichtung wurden in den viel zu engen Zimmern, wie in einem Warenschuppen abgestellt. Da standen sie nun, alle durcheinander, die vom Wasser verbogenen Bücherregale, die verrosteten Untersuchungstische, halb vermoderte Teppiche, Bücher deren Einbände vom Wasser aufgelöst die Seiten nicht mehr fassten, so dass diese bei Gelegenheit auf den Fußboden flatterten, wie weiße Blaetter eines unsichtbaren Baumes. In mitten dieser Trümmer hausten wir, mein Vater noch ohne Arbeit, oft missmutig und deprimiert, weil ihm die Approbation zur medizinischen Praxis noch nicht gegeben war, meine Mutter überspannt und von ihrer eigenen schweren Kindheit unheilbar verletzt, abwechselnd charmant und geistreich, dann wiederum herrschsüchtig alles bestimmend, meinen Vater des ehelichen Betrugs bezichtigend, ihn abwechselnd zur Tobsucht und zur Migräne reizend, und auf seine Wutanfälle weinerlich den Selbstmord drohend, und wieder, auf unser aller Flehen und Bitten hin, charmant und geistreich und verständig. .PP In dieser Stimmung erwarteten wir Weihnachten. Ich erkrankte am Scharlach und musste oben in der Dachkammer die mir und meiner Schwester zum Schlafzimmer diente, das Bett hüten. Man gab mir einen langen Stock, wo mit ich, wenn ich Hilfe benötigte, den Fußboden beklopfen sollte. Dort lag ich, heute besinne ich mich noch, und unterhielt mich indem ich die Eingangstakte des Weihnachtsoratoriums "Jauchzet, Frohlocket! Auf, preiset die Tage" vor mich hinsang, indem ich die Paukenschläge mit meinem Holzstock von den Brettern des Bodens ertönen ließ. .PP Weihnachten kam. Ich besinne mich auf die früheintretende Dämmerung des Nachmittags. Wir saßen um einen kleinen viereckigen Klapptisch, wie ihn die Amerikaner zum Kartenspiel benutzen. Der Tisch und vier dazu passende Klappstühle müssen unsere ersten Möbelanschaffungen in der neuen Heimat gewesen sein. An der Vorderwand des mit unseren verdorbenen Möbeln überfüllten Zimmers hatten wir Platz für einen kleinen Weihnachtsbaum ausgeräumt, den wir mit gläsernen Silberkugeln und baumwollnen Schneebällen, noch aus Deutschland, bestückt hatten. Darunter waren die wenigen Geschenke ausgebreitet, die meisten, wenn nicht fast alle, von der Mission an uns verteilt. Ich glaube es hat an jenem Heilig Abend geschneit. Meine Eltern hatten sich nach ihrem Weihnachtszank versöhnt. Man muss mich wohl noch für ungenügend genesen gehalten haben, dass man mich noch nicht zur Kirche gehen ließ. So blieb mein Vater mit mir zu Hause, und dass er bei mir blieb, war das große Geschenk dass jene Weihnacht mir so teuer machte. Zur Zeit hatte ich es ja nicht gewusst, erst in Amerika hatten meine Eltern es mir und meiner Schwester erzählt, dass er in Buchenwald, im Konzentrationslager in den Wochen vor seiner Auswanderung inhaftiert worden war. Dass er es überlebt hatte, und dass wir alle dem Krieg entronnen waren, was hatte das mit all den anderen Geschenken zu tun. Unter dem Weihnachtsbaum, da lag für mich ein kleines Spielzeug, von irgendeinem Missionsbeteiligten für mich ausgesucht, ein Brett mit einer eingebauten Stahlfeder mittels deren man kleine Kugeln, es mögen Springkugeln gewesen sein, in einen Kreislauf schleuderte, mit der Aufgabe sie in eine von mehreren kleinen Öffnungen schlüpfen zu lassen. Es war also ein sehr primitives Exemplar jener Spieleinrichtungen, welche die Amerikaner als "pin-ball machine" bezeichnen. Damit nun fühlte ich eine Verpflichtung zu spielen, und lud auch meinen Vater zum Mitspielen ein. Wir verständigten uns aber sehr bald über die Belanglosigkeit dieser Betätigung und legten das Brett beiseite. Dies stille Einverständis war mit allen anderen Weihnachtsgaben unvergleichbar. .PP Am Weihnachtsmorgen 1984 .PP Ich denke an die anderen Weihnachten, die der vergangenen Jahre, und versuche was sie bedeuteten zu begreifen, warum ich mich von Zeit zu Zeit so bedrückt von ihnen fühlte. War es nicht dies, dass das Fest dem Menschen die Freiheit raubt sich selbst zu sein, seinen eigenen Gefühlen, Gedanken nachzuspüren, entsprechend seinen jeweiligen inneren Bestimmungen notwendig zu leben Die Gelegenheit zwingt zur Mitstimmung, zum Mitgefuehl, zur Sentimentalität und zur Gegenüberstellung jener unwahrscheinlichen Legende. Ich meine wohl selbst die Geburt eines normalen Durchschnittsmenschen der keinen Anspruch auf Göttlichkeit oder Gottähnlichkeit erhebt, gerade ein Mysterium, den Menschen ein unauflösbares Geheimnis, darstellt, als Realisierung des menschlichen Bewusstseins, seine Entstehung, seine Verwirklichung ... denn darin ist auch das Mysterium Gottes enthalten. Man braucht also, um Weihnachten zu feiern nicht über die Faktizitaet des menschlichen Geborenwerdens hinaus zu denken. In dieser Gegebenheit ist auch das Göttliche, das einzige Göttliche das wir kennen, verborgen.