am 22. Juni 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Jeden Tag erwäge ich, Euch zu schreiben und mich für Euern so verständnisvollen und liebevollen Brief zu bedanken, und jeden Tag entdecke ich, dass ich Euch weder vernünftiges noch erbauliches zu erzählen habe, weshalb ich meine schriftlichen Bemühungen auf Tagebucheintragungen beschränke und auf das bedachtlose Herumstochern in dem unfertigen letzten Band meine Romanreihe. Die Zuversicht dass er niemals einem anderen Leser als mir selber bekannt werden wird, bewirkt eine umgeahnt berauschende Freiheit der Gefühle und Gedanken. Wenn ich, wie es sehr oft der Fall ist, mir nichts zu sagen, und nichts zu schreiben habe, dann lasse ich mich vom Internet ablenken, zum Beispiel kürzlich mit Aufführungen von Bachs H-moll Messe, auch in der akustisch geringfügigen brüchigen Erstaufnahme von Albert Coates und the London Symphony Orchestra, aus dem Jahre 1929, die meine Eltern in meiner Kindheit in Braunschweig von ihren Schallplatten abspielten. Immer wieder stellt sich mir die Frage um die Musik, die ein so starkes Erleben auslöst, und um den Glauben, das Symbolum Nicaenum, das heute so unglaubwürdig erscheint und längst von dem Glauben an andere Symbolik ersetzt wurde. Herzliche Sommergrüße and Euch beide. Euer Jochen