am 9. September 2022 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Weil ich so spät zu Bett gehe, schlafe ich gewöhnlich den ganzen Morgen hindurch. Heute aber bin ich seit anderthalb Stunden auf, sitze an meinem kleinen Schreibtisch vor meinem Rechner, habe aus einer Thermosflasche die mir Nathaniel als Abschiedsgruß hinterließ, zwei kleine Tassen schwarzen Kaffee getrunken, und habe mein Gedächtnis mit dem Lesen meines gestrigen Briefes an Euch aufgefrischt, und dabei festgestellt, dass ich vergaß Euch das wichtigste mitzuteilen. Wieder einmal ein Ausschlag zu einer Geschichte. For many years, I had a patient whose real name I am permitted to tell you since he was born in 1896 and at age 126 is now most unlikely to be alive. He was Fred Quinby. He had glaucoma and came regularly to have me measure the pressure in his eyes. Mr. Quinby was retired, I believe from the superintendency of an apartment house. He seemed to spend his retirement travelling, and he liked to talk about his travels. Since he owned no automobile he travelled by bus. While awaiting his turn to be seen by the eye doctor, Fred Quinby would interrogate the other patients in the waiting room. "Have you ever been to Niagara Falls?" he would ask, and if, as he hoped, the answer was an embarrassed "no", his consistent conclusion was: "Oh, but you missed the best part." Have you ever been to the Great Salt Lake? Oh, but you missed the best part. Have you ever been to the Grand Canyon? Oh, but you missed the best part. Have you ever been to Lake Ontario? Oh, but you missed the best part. On and on, until Margaret insinuated herself into the conversation to protect the other waiting patients. Als ich heute Morgen, indem Nathaniels Hund und ich auf Mr. Nielsen warteten um "Joe" auf seinen Geschäftsspaziergang zu führen, meinen gestrigen Brief an Euch überlas, fiel mir auf, dass auch ich es unterlassen hatte, Euch den "besten Teil" meiner Weisheit aufzudrängen, ein Verfahren das ich als "Entidealisierung" bezeichne. Beim Lesen des ZEITgesprächs zwischen Jasha Nemtsov und Christian Thielemann fällt mir auf, dass sie beide sich in der platonischen Voraussetzung einig sind, dass es so etwas wie Tugend gibt, und dass Tugend auch im Bayreuther Festspielhaus regieren sollte, sich aber uneinig sind, worin diese Tugend denn eigentlich bestehen möchte. Thielemann behauptet Tugend ist musikalische Sinnlichkeit mit spießbürgerlicher Selbstgerechtigkeit gespickt. Nemtsov fordert aktive Förderungsmaßnahmen zu Gunsten von Minderheiten, im gegebenen Falle, Juden. (affirmative action) indessen ich mich auf spinozistische Eis jenseits von Gut und Böse wage, mit dem Vorschlag dass die Natur - deus sive natura - weder Tugend noch Laster kennt. So "entschuldige" ich den Völkermord an den neuweltlichen Indianern auf welche dies Land der Freiheit und Gerechtigkeit gegründet ist, die Kriegsverbrechen von Hiroshima und Nagasaki, "the trail of tears" der Cherokeesen von North Carolina nach Oklahoma. Zu meiner von Gut und Böse bereinigten Welt gehören auch Dachau und Buchenwald, Auschwitz, Bergen Belsen und all die anderen entsetzlichen Gräuelorte der Geschichte, das Würzburg Riemenschneiders mit den Hexenverbrennungen nicht zu vergessen, auch nicht die Judenverbrennungen in Wien wo später Haydn, Mozart und Schubert wirkten. Ich würde, wenn es nach mir ginge, all die Übeltäter frei setzen aus allen Kreisen von Dantes Hölle an deren Qualen der berühmte Dichter sich und seine Leser so offenbar ergötzt. In meiner Welt jenseits von Gut und Böse ist Bayreuth mit seinem Festspielhaus, mit seinen begeisterten Jüngern und mit seinem unterschwelligen Nationalismus und Antisemitisismus, menschlich, allzumenschlich, und von Natur gegeben. Zugleich muss ich gestehen, wenn ich die Welt die ich mir vorstelle betrachte, werde ich von Angst vor der eigenen "Courage" überfallen. Nach all diesem, weitere herzliche Spätsommergrüße an Euch beide. Euer Jochen