am 16. November 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Wenn ich diese ungestüme Ergänzung meines gestrigen Briefes mit einer Bitte um Entschuldigung einleite, so ist es mit dem Vorbehalt dass ich noch nicht entschieden hab ob ich sie, wenn abgeschlossen, absenden oder vorbehaltend ad acta legen werde. Ich bin mir der Aufdringlichkeit meiner Mitteilungen bewusst und suche, vielleicht vergebens, die "goldene Mitte" zwischen dem Schweigen und der rücksichtslosen Beichte. Die Grundlage meines Schreibens überhaupt, bei deren Erwähnung ich mich vielleicht wiederhole, ist Kunst als Darstellung und Wahrnehmung der Tragödie. Die schildert Erlebnisse über welche Nachzusinnen das Leben erträglich und somit möglich macht. Im 4. Buch Mose 21:8 wird berichtet wie der unbeständige Gott (vgl. Ralph Waldo Emerson: “A foolish consistency is the hobgoblin of little minds," ) der noch vor kurzem Bildnisse jeglicher Art verboten hatte, jetzt seinem ungezogenen auserwählten Volk, nachdem er es mit giftigen Schlangenbissen maßregelt und bestraft, befiehlt, sich mit dem Blick auf ein selbstgemachtes ehernes Schlangenbildnis gegen das Schlangengift zu feien: Diesen Befehl betrachte ich als die Ureinrichtung der Kunst wie ich sie heute erlebe. Ihr kennt das von Schubert vertonte Gedicht Franz von Schobers, Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt Hast du mein Herz zu warmer Lieb entzunden Hast mich in eine beßre Welt entrückt Oft hat ein Seufzer, deiner Harf entflossen Ein süßer, heiliger Akkord von dir Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen Du holde Kunst, ich danke dir dafür Beim sich Trösten, besonders mit der Kunst, ist es schwierig nicht zu übertreiben. Die Minitragödie der Krankheit zum Tode von Nathaniels Hund ist eine keineswegs weithergeholte Vorlage für meine eigene Zukunft, betreffs der ich bestimmt habe, wenn es so weit ist, - und fast glaube ich dass es sehr bald soweit sein wird, - allein gelassen zu werden ins Besondere von jeden "Rettungsteams" die meinen sich dann aufdringen zu müssen, um das so inniglich Ersehnte ein Paar Tage wenn nicht gar nur ein Paar Stunden hinauszuschieben. Pfleger die es unterlassen beim Sterben ihres Patienten beim Rettungsdienst per Notruf 112 Alarm zu schlagen (bei uns 911) laufen Gefahr der Nachlässigkeit wenn nicht noch ärgeren Vergehens bezichtigt zu werden. Das ist ein Grund weshalb wir schon jetzt davon absehen uns nach "Pflegepersonal" umzusehen, das vorstellbar behilflich sein möchte, mir beim An- und Auskleiden, beim mich vom Sessel Aufstemmen und beim mich in ihn Niederlassen - Intimeres mag unerwähnt bleiben -, diese Gelegenheiten aber benutze möchte zum Beispiel die Abwesenheit formeller medizinischer Überwachung und anderer meinen Umständen einschlägiger Riten zu beklagen. Tatsächlich habe ich, in den 28 Jahren meiner staatlich erforderten Krankenversicherung, diese nie wesentlich in Anspruch genommen, außer zu den beiden Kataraktoperationen. In Deutschland, wenn ich nicht irre, wird der Sterbende strenger noch überwacht als hier, denn ich stehe unter dem Eindruck dass man ihm das Krankengeld vorenthält wenn er sich nicht auf regelmäßige behördliche Inspektionen seines Siechtums einlässt. Immer wieder verwundert mich der Mangel an "Pflegepersonal" in Deutschland und an "caretakers" in den USA. Ich hatte mir eingeredet es sei ein tiefes menschliches Bedürfnis die Kinder, die Eltern, die Geschwister, die Großeltern und vor allem, den Gatten zu betreuen und zu pflegen. Habe im Laufe des langen Lebens erfahren, dass dies nicht immer der Fall ist. So sind, so viel ich weiß, meiner Mutter Großmutter von der sie erzogen worden war, und meine Großmutter väterlicherseits die nach dem Tod meines Großvaters zu uns gezogen war, in Pflegeheimen in Braunschweig gestorben. Meine Schwester hat eines der letzten Lebensjahre meiner Eltern mit "Sozialarbeit" in Kiel und in Berlin verbracht, und ich selbst bin mit Margaret und Klemens 1961 als meine Eltern sich auf der Schwelle des Alters befanden, aus der Gegend um Konnarock nach Belmont gezogen um mir die Ausbildung als Augenarzt zu erwerben, und um Klemens die so äußerst primitive Schulung dort zu ersparen. Zehn Jahre später kaufte ich das Haus nebenan um uns die Gelegenheit zu schaffen meine Eltern dort zu pflegen. Die aber zogen es vor in Konnarock zu bleiben und sich von ihrer Patientin und Freundin Jeane Walls, die Ihr ja kennen gelernt habt, bis zuletzt pflegen zu lassen. Am eindringlichsten wurde mir die Abneigung die eigene Gattin zu pflegen bewusst, als während der Wochen wo Margaret bettlägrig im Sterben lag, mein Schwager Alex durch den ich sie kennen gelernt hatte, mir riet, Pflegepersonal anzustellen, mich von meinen persönlichen Bemühungen um sie zurückzuziehen, und mich deretwegen tadelte: "She would be better off and so would you," sagte er. Er selbst ist ohne seine Altersheimsversicherung jemals in Anspruch genommen zu haben, vor 23 Monaten gestorben. Vielleicht hatte er recht. Ich blicke mit viel Selbstkritik über mein langes Leben zurück. In diesem Zusammenhang hat sich mein Fühlen und Denken mit vier Gedichten aus dem Barock unentwirrbar verschränkt: „Bist du bei mir, geh ich mit Freuden zum Sterben und zu meiner Ruh. Ach, wie vergnügt wär so mein Ende, es drückten deine schönen Hände mir die getreuen Augen zu.“ aus der Oper Diomedes oder die triumphierende Unschuld von Gottfried Heinrich Stölzel. Und aus Bachs Matthäuspassion: "Ich will dir mein Herze schenken, Senke dich, mein Heil, hinein! Ich will mich in dir versenken; Ist dir gleich die Welt zu klein, Ei, so sollst du mir allein Mehr als Welt und Himmel sein." Picander "Mache dich, mein Herze, rein, Ich will Jesum selbst begraben. Denn er soll nunmehr in mir Für und für Seine süße Ruhe haben. Welt, geh aus, laß Jesum ein!" Picander "Ich will hier bei dir stehen, verachte mich doch nicht; von dir will ich nicht gehen, wenn dir dein Herze bricht; wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß, alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß." Paul Gerhardt Heute frage ich mich, handelt es sich dabei um verfängliche, fast bis zur Geschmacklosigkeit ausschweifende barocke Extravaganz, oder um Vorlagen zu erstrebenswerten Beziehungen wertvollster Menschlichkeit. Die Antworten überlasse ich Euch, und sende Euch entsprechend herzliche Grüße. Euer Jochen