am 23 November 2023 Liebe Gertraud lieber Bernd, Heute wäre meiner Mutter 125. Geburtstag. Auch nur die rechnerische Erwähnung eines so langen Lebens dünkt mich abgeschmackt. Vielen Dank für Eure drei jüngsten Briefe, "Trauer,etc." (23/11/2023) "Allerlei" (21/11/2023) und "Kommt später" (20/11/2023) mit einem zusammengefasst so schwerwiegenden Inhalt, dass eine gehörige Antwort vielleicht in einem solchen Maß über meine Kräfte geht, dass ich überhaupt von ihr absehen würde, wenn nicht meine Eitelkeit um die Worte mir das Schweigen unmöglich macht. Die Schwellenfragen: Von welchen Gedanken und Gefühlen ist es überhaupt erlaubt den Versuch zu machen sie der Sprache anzuvertrauen, erinnern mich an meine Kindheit und an meine erste Begegnung mit Shakespeare und den so schicksalhaften und allgemein missverstandenen Worten die er mit tiefer und tragischer Ironie dem Höfling Polonius in den Mund legte: This aboue all; to thine owne selfe be true: And it must follow, as the Night the Day, Thou canst not then be false to any man. Farewell: my Blessing season this in thee Denn dass Polonius Höfling war bewirkte doch dass er als solcher über gar kein "owne selfe" dem er hätte treu sein können, verfügte. Den Namen Gottes in den Mund zu nehmen galt ursprünglich als das höchste Verbot; deshalb befinden diejenigen unter uns denen Spinozas Gleichung Deus sive Natura unentrinnbar ist, sich stets an der Grenze des Unsagbaren. Ich lese die Todesanzeigen in der Zeitung als veröffentliches Erleben. Ich meine verschiedentlich beobachtet zu haben in welchem Maße die öffentliche Darstellung, sei es in den Zeitungen, sei es in den kirchlichen "Gottesdiensten" wie etwa als "Glaubensbekenntnis" eine rhetorische Wirklichkeit schafft welche viele Menschen zu benötigen scheinen um sich mit dem Schicksal zu versöhnen, welche mir aber unheimlich ist, und welche mich von der Gesellschaft abstößt statt mich in sie einzugliedern. Die entsetzlichsten Todesanzeigen, finde ich, sind die ägyptischen Pyramiden. Mit dem Thema DIY (Do it yourself) Sterbehilfe, Heimwerksterbehilfe, anderweitig auch Suizid, Selbstmord, Freitod genannt, bin ich von Kindheit inniglich vertraut. Ich besinne mich auf stürmischen Streit meiner Eltern in den ersten Jahren wo wir in Konnarock lebten, wo meine Mutter mit dem hysterischen Schrei "Ich habe Veronal genommen!!!" sich den Sieg über meinen Vater erwarb, mit einer Erklärung die offensichtlich gelogen war, denn man pumpte ihr den Magen nicht aus, sie starb nicht, sie schlief nicht einmal ein, sondern versöhnte sich mit meinem Vater nachdem sie ihn gehörig genug geängstigt hatte. Irgendwo in Konnarock befindet sich ein kleines grünes, längst leeres Metallkästchen mit der frommen Aufschrift "Ad usum proprium". Das enthielt die Zyanidkapseln welche meine Eltern "für den Notfall" in Braunschweig aufbewahrten. Es leistete dieselben Dienste in Konnarock. Der "Notfall" aber ist nie gekommen. Als mein Vater 1986 bettlägrig geworden war, fand ich ein Fläschchen mit Zyanidkapseln im Nachttisch neben seinem Bett. Die Fläschchen leerte ich ins Klosett und ersetzte das Zyanid mit Vitaminen. Weder er noch meine Mutter hat das je erfahren. Meinem Erleben gemäß stehen der DIY Sterbehilfe zwei naturgegebene Eigenschaften im Wege. Erstens, das Anpassungsvermögen das ich als Assimilation bezeichne das mich befähigt mich an die Umstände, wie anfangs unbehaglich auch immer sie sein mögen, zu gewöhnen, und unter Umständen wesentlicher Behinderung, wie zum Beispiel jetzt wo ich kaum aus dem Lehnstuhl aufzustehen vermag, geschweige denn die Treppen hinab und nach draußen zu gehen, tatsächlich mit dem Umständen in denen ich mich befinde zufriedener bin als als damals, wo ich noch fähig war Dächer zu erklettern um sie zu reparieren. Zweitens, die Illusion, dass meine Kinder und Enkel mich benötigen, und dass es meine Aufgabe ist fortzuleben um für sie zu sorgen. Das ist offenbarer Unsinn, denn ich habe sie lebhaft in Erinnerung, die Erleichterung die ich empfand als mein Vater, dann meine Mutter, dann meine Schwester, und zuletzt meine Frau, schließlich starben und mich von meiner Sorge um sie und von meinem Mitleiden mit ihnen endlich befreiten. Warum sollte ich es verhehlen, dass ich bei aller Erschütterung keine Träne vergossen habe, und dass mich wenige Wochen nach Margarets Tod eine Flut geistiger Eingebungen überraschte und mir das Fortleben ermöglichte. Und jetzt, jetzt halte ich mich hin über die dunklen schlaflosen Nächte mit spielerischen Plänen für ein Libretto oder ein Drama über natürliche und künstliche Tränen, denn als wir uns kennen lernten waren Tränen Margaret ein unentbehrliches Mitteilungsinstument. Immer wieder erschüttert mich was sie mir am 17. Januar 1951 schrieb: "Yet, still, I might be tempted to write my story that way, since you are so disturbed by my tears, and since you understand them so little and could be so easily misled by them; you think they are my weapons, that I plead with them, and by means of them convince you that I need you so much that you cannot leave me. I will admit that occasionally they have been used in that way, but that is not what they have meant most of the time. I weep because I am helpless, because I can do nothing but feel the pain. Often it seems to me that God is closest to me then, that he stands very close and watches me, hoping that I will learn to see him better soon. My tears plead with you for nothing. They are prayers for a kind of protection and a gift of understanding which you cannot give me, which no person can ever give to another." Nachdem wir uns ein Jahr später verheirateten, hat Margaret nie wieder geweint, und in den 63 Jahren unsrer Ehe ist nur eine einzige Träne ihren Augen entquollen, das war in den Stunden als sie starb. Über dir Toxizität natürlicher Tränen hat Heine berichtet: Am Meer Das Meer erglänzte weit hinaus Im letzten Abendscheine; Wir sassen am einsamen Fischerhaus, Wir sassen stumm und alleine. Der Nebel stieg, das Wasser schwoll, Die Möwe flog hin und wieder; Aus deinen Augen liebevoll Fielen die Tränen nieder. Ich sah sie fallen auf deine Hand, Und bin aufs Knie gesunken; Ich hab’ von deiner weissen Hand Die Tränen fortgetrunken. Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib, Die Seele stirbt vor Sehnen; – Mich hat das unglücksel’ge Weib Vergiftet mit ihren Tränen. Neuerdings aber gibt es auch künstliche Tränen. Die Toxizität künstlicher Tränen gibt Ausschlag zu zeitgenössischen Hexenprozessen. https://www.jsonline.com/story/communities/west/2023/11/14/eye-drops-verdict-jury-finds-kurczewski-guilty-of-homicide-theft/71580120007/ Tatsächlich leben wir in erstaunlichen Zeiten wo der Teufel beklagt man sei bestrebt ihn mit Hexenprozessen daran zu hindern sich zum Kaiser zu ernennen. Alles Gute, und herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen