Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vor etwa hundert Minuten empfing ich Euern Brief. Habt, wie stets, vielen Dank. Eine Antwort von mir vermöchte kaum umgehender, oder sollte ich schreiben, ungestümer entstehen können. Dass ich mich gewohnt habe niederzuschreiben was immer mir jeweilig durchs Gemüt zieht, also in Echtzeit (in real time) hab ich verschiedentlich schon erwähnt, wenn nur weil das Gedächtnis zum Sieb geworden ist, das kaum noch etwas hält. Das Stichwort ist Mitleid; im Engischen compassion, pity, sympathy, ruth, commiseration; im Französischen la compassion, la pitié, l'apitoiement, la commisération; im Italienischen la compassione, la misericordia, la commiserazione, il compatimento, la pietà, la carità, compartecipazione. Nicht wahr, “What's in a name? That which we call a rose, by any other word would smell as sweet.” Tatsächlich aber, nimmt man die Sprache ernst, wird das Leid durch Mitleid nicht behoben, sondern verdoppelt. Wäre Mitleid vielleicht nichts weniger und nichts mehr als Angst, dass das Leid auch mich, den sozusagen prophylaktisch Mitleidenden befallen möchte? Und wäre Mitleid zu heischen, etwas anderes als heimtückisches Rache heischendes Begehren den Nächsten mit den eigenen Schmerzen zu infizieren zum Zweck die im eigenen Leiden inbegriffene Erniedrigung aufzuwiegen? Ihr stellt die einschlägige Frage, wenn ihr schreibt: "Ich dachte früher immer, Ärzte säßen an der Quelle, wenn es um Hilfe geht." Man wird Arzt, das vermag ich Euch aus eigenstem Erleben zu bezeugen, aus Angst vor der Krankheit, und aus Missverständnis vom Tode, dem einzigen endgültigen Heilmittel, dass man begrüßen sollte anstatt mit ihm Verstecken zu spielen. Die Wissenschaft verbaut dem Arzt das Verständnis, trennt ihn von der Existenz seines "Patienten" und lähmt seine Fähigkeit diesem beizustehen. Der arme, armselige Karl Lauterbach! Ich weiß dass ich mich wiederhole, wenn ich 4 Mose 21 zitiere, 6 DA sandte der HERR fewrige Schlangen vnter das Volck / die bissen das volck / das ein gros volck in Jsrael starb. 7 Da kamen sie zu Mose / vnd sprachen / Wir haben gesündigt / das wir wider den HERRN vnd wider dich geredt haben / Bitte den HERRN / das er die Schlangen von vns neme / Mose bat fur das volck. 8 DA sprach der HERR zu Mose / Mache dir eine ehrne Schlange / vnd richte sie zum Zeichen auff /Wer gebissen ist / vnd sihet sie an / der sol leben. 9 Da macht Mose eine ehrne Schlange / vnd richtet sie auff zum Zeichen / Vnd wenn jemand eine Schlange beis / so sahe er die Eherne schlange an / vnd bleib leben. Lest meine Briefe als eherne Schlangen, und versteht mein Zitieren der Lutherbibel von 1545 als mein Kommentar zur Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996. Erlaubt mir zum ehernen Schlangen Thema, ein weiteres Bibelzität, keineswegs mit der Absicht Euch zu einem Evangelium zu bekehren, sondern um Euch eine mögliche Beziehung von Religion und Kunst vorzuschlagen. 14 Vnd wie Moses in der Wüsten eine Schlange erhöhet hat / Also mus des menschen Son erhöhet werden / 15 Auff das Alle die an jn gleuben / nicht verloren werden / Sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3) Ich deute die grauenhafte Besessenheit des Christentums mit dem Gekreuzigten als Ausdruck der Menschen Angst vor dem Leiden und ihrer Furcht vor dem Tod. Klemens und ich haben verschiedentlich die Anstellung von Pflegepersonal erwogen und als unpraktisch zurückgestellt; erstens, weil ich Hilfe nur zu unvoraussehbaren Zeiten im Verlauf von Tag und Nacht, beim Aufstehen und mich Niedersetzen bedürfte, und zweitens, weil meine Einstellungen zum Leben, zum Kranksein, zu dessen ärztlicher Behandlung, und schließlich zum Sterben eigenwillig und ungewöhnlich sind. Ich kann mir leicht vorstellen wie eine wohlgesinnte, verantwortungsbewusste Pflegehilfe mich zu ärztlicher Behandlung, wenn nicht gar zur Einkehr in eine "Krankenhaus" meinte zwingen zu müssen. Und bedrohlicher noch wenn sie dies nicht täte, die Anklage eine Staatsanwalts wegen "elder abuse" (Älterenmissbrauch). Hamlet hatte recht, lieber nicht: Die Überlegung ... makes us rather bear those ills we have Than fly to others that we know not of? Thus conscience doth make cowards of us all, And thus the native hue of resolution Is sicklied o'er with the pale cast of thought, And enterprises of great pith and moment With this regard their currents turn awry And lose the name of action. Bitte entschuldigt mir mein ungezügeltes Schreiben, bitte fühlt Euch zu keiner Antwort gedrängt, habt Fröhliche Weihnachten und ein zufriedenes gesundes Neues Jahr. Euer Jochen