==> NOT SENT am 17. Dezember 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern heutigen Brief. Wieder eine umgehende Antwort, aber dies Mal mit dem Vorsatz die Absendung zu verzögern um Euch Gelegenheit zu gewähren Euch von meiner Schreibsucht ein wenig zu erholen. Ich frage mich ob es ein Zeichen der geistigen Alterschwäche sein möchte die Unlösbarkeit etlicher Lebensproblematik dem Wesen der menschlichen Natur anzukreiden, im gegebenen Fall die Dialektik von Mitleid (oder Sympathie) und Gleichgültigkeit (Zurückhaltung Unbefangenheit) im Beruf des Arztes, ins Besondere des Chirurgen. Ich erinnere mich wie vor etwa 63 Jahren als ich mich für die Augenheilkunde entschied, zum Teil weil sie beide, medizinische und chirurgische Behandlung einbeschloss und wie ich damals mit jugendlicher Arroganz erklärte: "Surgery is too important to be left to the surgeons." Hab dann 35 Jahre als Augenarzt und Chirurg verbracht. Nur einmal ist ein Auge möglicherweise infolge einer meiner Operationen erblindet, das war mit einer vermutlich durch Infektion bedingten Entzündung die erst sechs Monate später in Erscheinung trat. Inwiefern oder ob überhaupt diese Katastrophe von der Operation verursacht war, wer möchte es sagen? Die Patientin aber hatte soviel Mitleid mit ihrem Chirurgen, dass sie ihm einen kostbaren keramischen Regenschirmständer schenkte, der noch heute hier in der Eingangshalle steht und mich bei jedem Vorbeigehen, solange mich zu bewegen mir noch möglich war, erinnerte - an sie und an mich. am 18. Dezember 2023 Wenn ich heute Abend versuche mein Denken genauer zu betrachten, komme ich wiederholt zu demselben unbefriedigenden und unzulänglichen Beschluss, dass sich etliche, vielleicht letzten Endes alle gültigen geistigen Probleme als "unlöslich" erweisen, und dass ich nicht umhin kann, sie auf unergründliche Eigenschaften, seien diese Fähigkeiten oder Beschränkungen des menschlichen Gemüts zurückzuführen. So ergibt sich die Frage, ob man es dann auf dieser Erklärung beruhen lassen sollte, oder ob die erkannte Begrenzung als Ausschlag zu weiteren, ins besondere, zu gesellschaftlichen Bemühungen dienen sollte. Ich erlaube mir ein sehr grobes Beispiel. Ich beneide die Vögel um ihren Flug. Nächstliegend wäre mich mit der Einsicht zu trösten, dass ich nun einmal kein Vogel bin, und niemals ein Vogel werde, vielleicht mich als Entgelt für meine Erdgebundenheit mit Vorstellungen von Engeln als beflügelten menschenähnlichen Wesen abzufinden, oder aber, im Zusammenwirken mit vielen Mitmenschen, Luftballons, Luftschiffe, Flugzeuge, Raketen, Raumschiffe zu erfinden, zu lernen mich dieser zu bedienen, und mir dabei eine neue Gedankenwelt zu schustern wo diese Erfindungen selbstverständlich sind und es betrachtlos erscheint, dass ich nie ein Vogel sein werde. Fazit. Unter dem Strich. Die Wirklichkeit die ich erlebe hat zwei Richtungen, zwei Dimensionen, zwei Phasen: Erstens, die unmittelbare Anschauung, was ich augenblicklich sehe, höre, denke, träume: das Erleben welches mir die Gegenwart bestimmt. Zweitens, der von Sprache und Berechnung vorgestellte Bereich denkbaren Erlebens. Dieser Bereich weiß von keinen Grenzen, und erstreckt sich von der raumlosen Unzeit vor dem errechneten Urknall in die Unzeit und in den unermesslichen Raum eines sich unablässig mit Lichtgeschwindigkeit ausdehnenden Weltalls; und ins Unendliche zerbröckelt, über Pico-und Femtosekunde hinaus ins errechenbare Nichts wo schließlich der Raum und die Zeit in "atomare" unteilbare Wesenheiten verschwinden. Diesen zweiten von Sprache und Berechnung vorgestellten Bereich denkbaren Erlebens erkläre ich mir als ein scholastisches Gefüge das sich nicht aus unmittelbar eigenem Erleben ergibt, sondern als einen Echokomplex der sich innerhalb von Schulwänden entfaltet, indem der Vorschlagseinfall eines Einzelnen von seinem Mitschüler bestätigt wird, nicht wegen der Überzeugungskraft des Einfalls sondern aus demselben Zwang zur Einstimmigkeit welcher zum Beispiel die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 beflügelte. Die Einstimmigkeit ermöglicht und befördert dann die Zusammenstellung mächtiger Geistesgebilde die sich uns als eine Pseudowirklichkeit bieten und uns davon überzeugen, dass wir diese von uns so sorgfältig gemeinsam modellierte Welt "begreifen"; zugleich uns aber auch zum Bau mechanischer und neuerdings elektronischer Maschinen befähigen welche unser Können, unsere Fähigkeit auf ein anderweitig unvorstellbares Ausmaß steigern. Durch diese Gedanken erweitert sich die Vorstellung der Schule als einer Anstalt wo eine bestehende unveränderte und im Grunde unveränderliche Suppe menschlichen Wissens und Könnens den Schülern lediglich ausgelöffelt wird, zu dem Vorschlag die Schule möchte so etwas wie ein Treibhaus sein, wo unerwartetes neues Wissen und Können keimt, wächst, blüht, fruchtet gezüchtet und geerntet wird. Vielleicht sind diese Gedanken nichts Weiteres als eine Strategie mein eigenes Nichtwissen zu verharmlosen. Liebe Gertraud, lieber Bernd, wieder einmal hab ich meinen Gedanken die Zügel schießen lassen. Ich bin mir durchaus der heiklen Grenze zwischen Sinn und Wahnsinn bewusst, und doch keineswegs fähig diese Grenze zu ziehen. Bitte vergebt mir und ärgert Euch nicht an meiner unverbesserlichen Verschrobenheit. Herzliche Grüße zu Weihnachten und zum Neuen Jahr. Euer Jochen